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Recht auf Migration in Spanien : Von Waren und Menschen

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Mit dem Recht, sich auf der ganzen Welt frei und friedlich zu bewegen und zu handeln, begründeten die Theologen aus Salamanca auch das spanische Machtstreben. Bild: Reuters

Im 16. Jahrhundert leiteten Juristen aus einer Armutskrise in Spanien ein Recht der Völker auf Migration ab. Die Erinnerung an ihre Schule von Salamanca macht nachdenklich: Sollten neben den Chancen der Globalisierung nicht auch bestimmte Mindestpflichten definiert werden?

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          Hungrige Menschen, Kranke, unter ihnen auch einige Schwindler, zogen in Scharen umher. Immer mehr Städte fürchteten um die öffentliche Ordnung und den sozialen Frieden. Vielleicht war der Welthandel schuld, Missernten, Korruption, vielleicht auch die Armutsmigranten selbst. Jedenfalls musste eine Kontrolle der wirklichen Bedürftigkeit her. Die Hilfe sollte am Geburtsort geleistet werden. Mit amtlichen Dokumenten ausgestattet, sollten die Leistungsberechtigten dort in dafür einzurichtenden Zentren versorgt werden. So oder ähnlich praktiziere man es schon erfolgreich in anderen Ländern. Das neue Gesetz, von vielen Städten begrüßt, rief allerdings auch Kritiker auf den Plan. Nicht zuletzt die Kirche ergriff das Wort. Entsprach das noch den Grundsätzen christlichen Handelns?

          Die hier skizzierte Armutskrise, der Versuch ihrer Bewältigung durch Gesetzgebung und die darum geführte Diskussion trugen sich in den vierziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts im heutigen Spanien zu. Wir kennen sie, weil führende Theologen sich zu dem Thema äußerten. Aufsehenerregend war eine gegen das Gesetz gerichtete, 1545 in lateinischer und spanischer Sprache veröffentlichte Schrift „In causa pauperum deliberatio“ des Dominikaners Domingo de Soto. Der Theologe, der in demselben Jahr als Berater von Kaiser Karl V. zum Konzil von Trient entsandt wurde, war einer der Begründer der sogenannten Schule von Salamanca. Diese vor allem mit dem Namen Francisco de Vitorias verbundene Theologenschule hat inzwischen einen festen Platz in der Wissenschaftsgeschichte von Theologie, Philosophie, Wirtschaftstheorie.

          Denkanstöße zu Legitimität von Herrschaft

          Bedeutend war sie nicht zuletzt für die Rechtsgeschichte: Sie hat in den von Reformationen, Expansionen und Medienrevolution geprägten Jahrzehnten der dynamischen Herausbildung frühmoderner Staatlichkeit grundlegende Beiträge zum Nachdenken über Strafe und Schuld, über Vertrag und Restitution, über die Legitimität von Herrschaft und Widerstand geleistet und die juristisch-politische Sprache des internationalen Rechts bis in die Gegenwart beeinflusst.

          Domingo de Sotos Argumentation über den richtigen Umgang mit den Armen ist in mancher Hinsicht typisch für das Denken der Schule. Für uns in manchem fremd, beeindruckt sie wegen der Tiefe und Kohärenz der Argumentation. Sie verweist zudem auf einen historischen Zusammenhang, der gerade angesichts der aktuellen Diskussionen um Migration und freien Welthandel nachdenklich machen kann. Denn das Recht bedürftiger Menschen darauf, alles zu ihrer Selbsterhaltung Nötige zur Verfügung gestellt zu bekommen, und die Pflicht aller Menschen, den Armen auch darüber hinaus Lebenschancen zu ermöglichen, leitete Domingo de Soto aus denselben Gründen her, mit denen er und andere den freien Verkehr von Waren legitimierten. Jenseits aller politischen Einheiten – Stadt, Staat – ging man nämlich von der tatsächlichen Existenz einer Weltgemeinschaft aus, verbunden durch von allen geteilte Rechte und Pflichten, das ius gentium.

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