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Reaktionen auf Mosebachs Rede : Der König soll nicht leben

Jetzt soll er schon wieder reaktionär sein: Martin Mosebach Bild: ddp

In seiner Rede zur Verleihung des Büchner-Preises hatte Martin Mosebach Worte des Jakobiners Saint-Just mit Zitaten Himmlers aus dem Jahr 1943 verglichen. Dieser Vergleich sorgt jetzt für Diskussionen, wobei sich die Kritiker jedoch in einen Widersprich verheddern, meint Lorenz Jäger.

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          Vergleiche sind heikel. Mehr oder weniger spontan reagiert die Öffentlichkeit deshalb mit Vergleichsverboten. Der Greifswalder Althistoriker Egon Flaig hat unlängst in der Zeitschrift „Merkur“ anlässlich dieser Verbote von einer „moralisch erzwungenen Verdummung“ gesprochen. Gewiss: Wer Sachverhalte vergleiche, relativiere sie. Aber, so Flaig weiter, „wer relativiert, leugnet nicht, sondern erfüllt seine wissenschaftliche Pflicht, das Existierende in Beziehungen zu setzen. Einen Vorgang oder eine Sache zu verabsolutieren, heißt sie von ihren Kontexten zu isolieren, ... heißt der Wissenschaft zu verbieten, sie als Gegenstände zu behandeln. So lassen sie sich sakralisieren und sogar vergotten.“ Gemeint ist aber nicht jeder beliebige Sachverhalt, sondern nur einer, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Verglichen hatte Martin Mosebach in seiner Rede zur Verleihung des Büchner-Preises Stücke aus einer Rede des Jakobiners Saint-Just, eines Exponenten des Terrors der Französischen Revolution, mit einer Redepassage Himmlers aus dem Jahr 1943. Vielmehr: Er hatte die Zitate, ohne weiteren Kommentar, zusammengestellt. Damit wird die Vorgeschichte der Vernichtungspolitiken weiter zurückverfolgt, bis in die Epoche der Aufklärung. Weil aber die Aufklärung zur fast ausschließlichen Bezugsgröße der europäischen Gesellschaften geworden ist, war hier ein hochempfindlicher Punkt berührt. Dass sich von Mosebachs Rede nun gerade der Historiker Heinrich August Winkler getroffen fühlt, ist wenig überraschend.

          Die eigentliche Botschaft

          Winkler, bekannt geworden durch sein Buch „Der lange Weg nach Westen“, hatte in seiner Abschiedsrede von der Universität beklagt, die Französische Revolution habe „ein antirevolutionäres Ressentiment in großen Teilen Europas“ hinterlassen. Die Wortwahl legt die Vermutung nahe, dass Winkler die Vernunftgründe einer antirevolutionären Haltung, für die Mosebach heute wie kein anderer steht, als gering veranschlagt.

          Im Gespräch mit dem „Deutschlandradio“ nahm Winkler vorgestern Anstoß an dem von Mosebach ausgelegten Ruf „Es lebe der König“ in Büchners „Dantons Tod“, mit dem das Stück schließt. Winkler sieht hier die eigentliche Botschaft der Rede: „Die Aufklärung und die Französische Revolution markieren einen Irrweg ... Und dieser Standpunkt ist schlichtweg reaktionär. Ich würde von Geschichtsklitterung sprechen.“ Was den Revolutionsterror eines Saint-Just angehe, so handle es sich um eine „Perversion der Aufklärung“, beim nationalsozialistischen Judenmord dagegen um einen „Kampf gegen die Aufklärung“. Wer die Jakobiner und Himmler vergleiche, müsse vor allem „die Unterschiede deutlich herausarbeiten und nicht nur die Gemeinsamkeiten“. Aber sind diese Unterschiede nicht erst dann feststellbar, wenn vorher überhaupt verglichen wurde? Die Fürsprecher des Vergleichsverbots haben dieses logische Problem bis heute nicht überzeugend zu lösen vermocht.

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