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Sachsen und Brandenburg : Klare Kante gegen alle

Klare Kante, klare Kante und nochmals klare Kante: Statt die Wahlen zu analysieren, wurde in der „Berliner Runde“ nur ein Begriff breitgetreten. Bild: dpa

Die AfD hat sich zur Sprecherin des Ost-Ressentiments gemacht. Alle anderen Parteien verkennen währenddessen die Wirklichkeit – und starren phantasielos auf den rechten Rand.

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          Fünf Männer stehen mit nassen Füßen im Keller und sehen, wie Wasser eindringt: Der Boden ist schon bedeckt. Natürlich könnten die Männer Gummistiefel holen, dann blieben sie länger trocken. Aber wer weiß, ob sie sich nicht schon bald Gummianzüge überstreifen müssen, gar Taucherbrillen? Vielleicht wäre es also ratsam, nach der Ursache des Wasserschadens zu forschen. Dazu kann sich aber keiner durchringen.

          Die sogenannten demokratischen Parteien verhalten sich wie die fünf Männer, die auf die Fluten ständig mit dem Herbeischaffen von neuem Gummizeug reagieren, aber die Lösung des Problems am Ende nur aufschieben. Die AfD kommt besonders im Osten aus dem simplen Grund an, weil sie sich zur Sprecherin der Ost-Ressentiments macht und damit im Wortsinn das liefert, was ihr Name sagt: eine Alternative für Deutschland. Das Ressentiment im Osten als „typisch östlich“ zu denunzieren hilft nicht weiter. Unsere Ressentiments – jedenfalls viele von ihnen – sind nämlich typisch westlich. Wir haben nur das Glück, dass sie sich durchgesetzt haben. Vom Osten Deutschlands zu erwarten, dass er die Kriterien der Einschläferungspolitik der großen Koalition übernimmt, wäre aber doch ein bisschen viel verlangt. Dennoch beugen sich die Vertreter stetig schrumpfender Parteien nach jeder vergeigten Wahl über den grausigen Befund und reden ihn schön. SPD in Sachsen unter acht Prozent! Wer von uns hätte gedacht, dass er das je erleben müsste?

          Besonders eklatant war die Wirklichkeitsverkennung in der ARD-Flaggschiffsendung „Berliner Runde“. Moderatorin Tina Hassel, die durch die deutsche Sprache stolpert, dass man gleich den Ton abdrehen möchte, trat wie entfesselt einen Begriff breit, der vom Bundesgeschäftsführer der Grünen Michael Kellner in die Runde geworfen worden war: die „klare Kante“. Bekanntlich gilt es sie immer zu „zeigen“, synonym mit der „klaren Haltung gegen rechts“ beziehungsweise dem „geraden Rücken“, wie SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil zu Beginn feierlich intonierte.

          Die Gesellschaft ist ängstlich geworden

          Dann war die Moderatorin an der Reihe. Tina Hassel schaute auf ihren Zettel und sprach: „Wir haben jetzt mitbekommen: Die klare Kante ...“ Dann noch einmal: „Klare Kante, auch aggressive O-Töne bei Wahlkampf ...“ Kein Witz: „bei“ Wahlkampf. Und dann der tiefste Satz des Abends, den man wohl als symptomatisch für den erwartbaren Aktionsrahmen der fünf Männer im Wasser nehmen darf: „Ab jetzt, ab heute Abend oder ab morgen spätestens muss man irgendwie wieder ausloten, wer da auch mit wem eine Schnittmenge zum Regieren findet.“ Kaum war’s gesagt, kam auch schon wieder Klingbeil dran und sagte, die Auslotungskompetenz der SPD betreffend, der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke werde mit allen reden außer den Rechtsextremen, „da haben wir immer eine klare Kante gehabt, es hat bei manchen länger gedauert, aber wir hatten da immer eine klare Kante als SPD“.

          Kurz darauf richtete Tina Hassel das Wort an den Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD: „Mit Ihnen, Herr Baumann, gibt’s eine klare Kante ...“ Im Ernst? Wir trauten unseren Ohren nicht. Das muss aber eine andere gewesen sein als die von Kellner und Klingbein, denn deren klare Kanten sind bekanntlich gegen rechts gerichtet (siehe auch „klare Haltung“ und „gerader Rücken“). Wenig später, wir hatten immer noch nicht abgeschaltet, fasste Klingbeil die intellektuelle Dichte des Abends ziemlich kompakt zusammen, indem er sagte, dass „Deutschland gut daran tut, wenn wir eine stabile Regierung haben“, und fast wären wir jetzt aufgesprungen und hätten Beifall geklatscht, denn eine Partei, die in Sachsen an der Achtprozent-Hürde scheitert, die kann man für so eine Aufgabe nur empfehlen. Man müsste nur die passenden Schnittmengen ausloten.

          Genug. Es war wieder eine echte Zumutung. Heute, so scheint es, sind wir von lauter Ideen umgeben, die ihre Bindekraft verlieren: sozialer Fortschritt, wirtschaftliche Prosperität für alle, gerechte Löhne, Versorgungssicherheit, ein Leben im Einklang von Technik und Natur, universale Geltung der Menschenrechte und so weiter. Zugleich erleben wir, nicht nur in Deutschland, eine Fragmentierung der Gesellschaft in ihre jeweiligen Interessens- und Maulgruppen, jedoch parallel mit einem anderen Phänomen, das die Sache nicht besser macht: Wir werden ja nicht nur unausstehlicher, weil die digitale Revolution, die junge Leute erfunden haben, fast täglich das Tempo verschärft, sondern auch, weil wir selbst biologisch altern – weil die Kräfte schwinden und die Gereiztheit wächst. Das sind wir, ob’s uns gefällt oder nicht: Eine phantasielose, ängstliche Gesellschaft starrt auf die Störenfriede vom rechten Rand und ist zu träge, in deren Themen die eigene Aufgabe zu erkennen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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