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Katalonien-Krise : Kommt jetzt Pep Guardiola?

Der Protest wird lauter: Junge Demonstranten in Barcelona Bild: AP

Die Ausschreitungen radikaler Separatisten haben das Klima in Katalonien verschärft: Manche wünschen sich in der verfahrenen Situation einen Erlöser wie Pep Guardiola.

          3 Min.

          Nicht allen Beobachtern der Ausschreitungen in Katalonien gelingt es in diesen Tagen, die komische Seite der Dinge zu entdecken, was bei vielen Dutzend Verletzten und Inhaftierten auch nicht weiter verwundert. Aber für Satiriker wäre die verfahrene Kommunikation zwischen Spaniens Ministerpräsidenten Pedro Sánchez und dem katalanischen Ministerpräsidenten Quim Torra ein gefundenes Fressen. Es ist nämlich so: Torra würde gern mit Sánchez telefonieren. Er möchte ihm sagen, dass man miteinander reden müsse, um den Konflikt endlich zu lösen. So kann das nicht weitergehen, würde er vielleicht sagen, wir brauchen Dialog! Sánchez aber nimmt nicht ab. Warum? Weil Torra die Gewaltexzesse der letzten sieben Tage nach dem Urteilsspruch im Madrider Separatistenprozess nicht verurteilt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          So geht das jetzt schon seit längerem: Torra lässt sein Sekretariat Sánchez’ Telefonnummer im Madrider Regierungspalast Moncloa wählen – und dort wird ihm laut Medienberichten immer wieder beschieden, Sánchez befinde sich „in einer Sitzung“. Am Sonntag war sogar zu lesen, Torra habe auch Sánchez’ Privatnummer. Doch auch dort geht Sánchez offenbar nicht dran, weil er weiß, was für ihn auf dem Spiel steht – am 10. November sind in Spanien schon wieder Parlamentswahlen. Es kostet nicht viel Phantasie, sich das Ganze als Sketch vorzustellen: Das Mobiltelefon brummt, klingelt oder fiept, Sánchez schaut darauf und sagt: „Das ist wieder Quim Torra, die Nervensäge.“ Und zu seinen Leuten: „Habt ihr ihm nicht gesagt, er soll sich erst wieder melden, wenn er die Gewalt in den Straßen von Barcelona verurteilt hat?“

          Der Separatismus liefert schöne Bilder

          Während es also mit der unverurteilten Gewalt noch ein bisschen weitergeht, ist es mit dem Angebot zum „Dialog“ so eine Sache. Einen Dialog über die katalanische Unabhängigkeit wird es weder mit Sánchez noch mit irgendeinem anderen spanischen Politiker geben, also kann man sich das Gespräch auch schenken. Abspaltung ist in der demokratischen Verfassung von 1978 nicht vorgesehen, und der Oberste Gerichtshof hat dazu das Seine gesagt. Um es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen: Etwa die Hälfte der Katalanen wünscht sich einen eigenen Staat, die andere Hälfte lehnt ihn ab, weil sie zugleich spanisch und katalanisch empfindet. Dieses Verhältnis ist ziemlich stabil geblieben, obwohl die Separatisten ein attraktiveres Narrativ haben, seit vielen Jahren Regierungsgelder für Propaganda ausgeben und eine deutlich geschicktere Außendarstellung betreiben. Friedliche Demonstranten mit schönen Fahnen sind und bleiben halt ein erhebendes Bildmotiv.

          Dieses Image hat nach der Urteilsverkündung der vergangenen Woche einen ziemlichen Riss bekommen. Ein harter Kern von fünfhundert glänzend organisierten und schnell agierenden Leuten – mit einer Reserve von etwa dreimal so vielen Aktivisten im Hintergrund – hat die Polizei zum Kampf gefordert, Kommunikationswege lahmgelegt, Autos abgefackelt und Sachschäden in Millionenhöhe angerichtet, vom Ansehensverlust für die Touristenstadt Barcelona gar nicht zu reden. Dass die autonome Szene der katalanischen Großstädte zum separatistischen Lager gehört, war seit langem klar, doch noch nie hat sich dieser Teil der Anhängerschaft so ungehindert ausgetobt. Als Ministerpräsident Sánchez jetzt in Barcelona war, traf er sich deshalb nicht mit Quim Torra (der in den Gewalttätern „Eingeschleuste“ und „Provokateure“ sieht), sondern besuchte verletzte Polizisten im Krankenhaus.

          Plebiszit der Unzufriedenen

          Wie es weitergehen könnte, weiß niemand. Die Fronten sind verhärtet, die katalanische Gesellschaft ist tief gespalten. Auch die Kulturszene hat sich in zwei Hälften geteilt. Oft geht der Riss zwischen Unabhängigkeitsbefürwortern und -gegnern mitten durch die Familien. Beide Seiten berufen sich auf demokratisches Recht, bieten juristische Experten auf und werben um internationale Unterstützung. Dass es nicht einmal in grundsätzlichen Fragen Einigkeit gibt – etwa über Begriffe wie Demokratie, Gerechtigkeit oder Gewaltenteilung –, spricht für eine geschwächte Identifikation mit dem Institutionenstaat und einen Machtgewinn des Plebiszitären. Geht es nach den Separatisten, reicht es schon, große Demonstrationen mit Unzufriedenen zusammenzutrommeln, um den spanischen Staat in die Knie zu zwingen.

          Die linke Feministin Lidia Falcón, inzwischen 83 Jahre alt, hat angemerkt, hinter dem katalanischen Separatismus stecke das Kapital, also das nackte Wirtschaftsinteresse. Klar ist jedenfalls, dass der Separatismus sich bis auf weiteres sämtliche anderen gesellschaftlichen Themen einverleibt oder als nutzlos beiseitegeschoben hat. Mann oder Frau, arm oder reich, grün oder schwarz – nichts davon zählt angesichts der nationalen Identitätsfrage. Und da der katalanische Ministerpräsident Quim Torra als Führungsfigur der Separatisten so gründlich diskreditiert ist, dass wirklich niemand mehr mit ihm sprechen will, hat längst die Suche nach neuen politischen Köpfen begonnen. Einer von ihnen, so berichten katalanische Medien, könnte der zurzeit in Manchester tätige Fußballtrainer Pep Guardiola sein. Kein Witz.

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