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Raubkunst : Wir wollen nichts Geraubtes in unseren Museen

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Eine neue Generation von Museumsdirektoren: Max Hollein (l.) und Raphael Gross Bild: Daniel Pilar

Um die Rückgabe jüdischen Eigentums tobt ein Streit: In dieser Debatte sprechen sich jetzt die Museumsdirektoren Raphael Gross und Max Hollein gegen Fristenlösungen, gegen ein Restitutionsgesetz und für eine neue Limbach-Kommission aus.

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          Um die Rückgabe jüdischen Eigentums tobt ein Streit: In dieser Debatte sprechen sich jetzt die Museumsdirektoren Raphael Gross und Max Hollein gegen Fristenlösungen, gegen ein Restitutionsgesetz und für eine neue Limbach-Kommission aus. Max Hollein leitet seit 2006 das Städel Museum und lässt zurzeit die Geschichte des Hauses im Nationalsozialismus erforschen. Raphael Gross ist Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt.

          Herr Hollein, als Sie 2006 die Leitung des Frankfurter Städel Museums übernommen haben, wurde relativ schnell eine Forschungsstelle für Provenienzforschung eingerichtet. Was war der Anlass für diese Entscheidung?

          Hollein: Provenienzforschung wurde im Städel ja schon seit 2001 betrieben, seit 2002 gibt es dafür eine Planstelle. Das hat mein Vorgänger eingeführt. Damit ist das Städel übrigens neben der Hamburger Kunsthalle das Institut, das mit am frühesten kontinuierlich mit der Provenienzforschung in Deutschland begonnen hat.

          „Wir sind eine neue Generation, die sich mit dieser Geschichte beschäftigt. Wir tun das, weil vieles nicht getan wurde in den letzten fünfzig Jahren.” Max Hollein

          Aber darüber hinaus haben Sie ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Städel im Nationalsozialismus initiiert.

          Hollein: Ja. Dieses Forschungsprojekt haben wir bewusst extern vergeben. Es wird federführend von Professor Uwe Fleckner und seiner Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in Hamburg betrieben. Das Team wurde aus Historikern und Kunsthistorikern zusammengestellt, die sowohl im Archiv des Städel, in dem der Stadt als auch weiteren Archiven nachforschen. In seiner Schriftenreihe werden auch die Ergebnisse publiziert werden.

          Was ist das Ziel dieses Projekts?

          Hollein: Die Forscher sollen die Aktenlage klären, die Handlungen aller Beteiligten sollen im Kontext der Museumswelt dieser Zeit eingeordnet werden.

          Herr Gross, das Jüdische Museum wurde 1987 gegründet. Die Geschichte des Hauses geht nicht allzu weit zurück, aber die der Sammlungsgegenstände schon. Wird ihre Geschichte auch erforscht?

          Gross: Das Museum hat mit einer Ausstellung mit dem Titel „Was übrig blieb“ eröffnet. Sie war, soweit ich weiß, im deutschsprachigen Raum die erste Ausstellung, die sich mit dem Schicksal von geraubten jüdischen Kunstschätzen auseinandersetzte. Unsere Bestände sind im Wesentlichen 1987 aus dem Historischen Museum - wie wir ein städtisches Museum - an uns gekommen, und da stellt sich natürlich die Frage: Wie kamen sie überhaupt ins Historische Museum? Wir versuchen, das so weit wie möglich zu klären, anders als im Städel besitzen wir aber selbst keinerlei Akten dazu im Haus.

          In der Ausstellung, die das Jüdische Museum gegenwärtig zeigt, gibt es einen spektakulären Fall: Sie beweisen, dass der Hannoveraner Museumsdirektor Stuttmann, der im Nationalsozialismus seinen Posten antrat und ihn weit über 1945 hinaus ausübte, nach Kriegsende bewusst Raubkunst, die jüdischen Eigentümern vor 1945 entzogen worden war, versteckte. Er schrieb einem Freund, man solle die Raubkunst besser in den Kisten lassen.

          Gross: Ein skandalöser Fall.

          Ein deutscher Museumsdirektor lässt sich nach 1945 feiern als jemand, der die verfemte Moderne wieder ins Museum holt, und versteckt gleichzeitig aktiv Raubkunst. Ist der Fall typisch?

          Gross: Es ist ein Fall, der relativ klar zeigt, wie auch in der Nachkriegszeit von Museumsdirektoren überlegt wurde, wie man sich verhält, wenn man die Kunstwerke, die durch Arisierung oder durch andere Gewaltmaßnahmen ins Museum gekommen waren, nicht zurückgeben will.

          Die Ausstellung enthält Dokumente zur Frankfurter Museumsgeschichte. Was ergeben Ihre Recherchen zum Städel?

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