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Raubkunst : Wir wollen nichts Geraubtes in unseren Museen

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Nach dem Modell von Raphael Gross würde es genügen, wenn nur eine Seite - in der Praxis vermutlich diejenige, die ein Restitutionsbegehren hat - die Limbach-Kommission anruft. Müsste man dann aber nicht über ein Ventil nachdenken, das den Andrang reguliert? Die Zahl der Fälle, auch die unbegründeter Begehren, würde sprunghaft steigen.

Gross: Es kann durchaus sein, dass es mehr Fälle gibt. Aber im Moment sind es ja so wenige Fälle, dass man gar nicht von einer arbeitenden Kommission sprechen kann. Ein bisschen mehr zu tun haben könnten die schon.

Hollein: Aber ich glaube nicht, dass das die Lösung der Problematik wäre.

Was wäre die Lösung der Problematik?

Hollein: Wir bewegen uns in einer Debatte, die formaljuristisch nicht zu lösen ist. Der Versuch, mit einer rechtlichen Komponente einzuwirken, ist wegen der abgelaufenen Rechtsfristen extrem schwierig. Wir müssen auf die Einsicht einer moralischen Verpflichtung setzen. Die Öffentlichkeit und die Museen sind sensibilisiert, und wir befinden uns auf einem Weg zu einer zufriedenstellenderen Situation.

Gross: Wobei die historische Einordnung dessen, was 1933 bis 1945 in den deutschen Museen passiert ist, ganz entscheidend ist. Über das Städel wissen wir noch nicht so viel, und trotzdem sind Sie, Herr Hollein, ein Vorreiter mit Ihrem Forschungsprojekt. Solange wir aber noch Anhänger einer Generation von Museumsleuten vor uns haben, die glauben, dass die Museen insgesamt letztendlich Opfer der Nationalsozialisten waren und nicht von deren Taten profitierten, werden Sie unglaubliche Widerstände erleben.

Hollein: Die Diskussion müsste auch breiter geführt werden. Wir sind innerhalb Frankfurts meines Wissens nach das einzige Museum, das in jüngster Zeit Werke restituiert hat. Insgesamt hat unsere Provenienzforschung bisher zur Restitution von sechs Gemälden geführt. Beim Städel wurde übrigens direkt nach 1945 schon sehr viel restituiert - also unter Holzinger. Zu Beginn unserer Provenienzrecherche 2001 haben wir uns vorgenommen, 800 Werke zu überprüfen, 400 davon sind bereits erforscht.

Also stehen eventuell noch weitere Restitutionen aus Städel-Beständen aus?

Hollein: Da wir zuerst die offensichtlichen Problemfälle bearbeitet haben, erwarte ich nicht, dass bei den restlichen knapp 400 viele Restitutionsfälle auftreten werden. Allerdings kann sich die Materiallage auch bei den schon geprüften Werken immer wieder ändern, wenn neue Akten entdeckt werden.

Da es so ist, dass sich die Aktenlage immer wieder ändern kann, spräche das ja gegen eine Fristenlösung, wie sie prominente Diskutanten jetzt fordern, um Museen und Kunsthändlern Sicherheit zu geben - schließlich ist ein verdachtsbehaftetes Werk schlecht ausstell- geschweige denn auktionierbar.

Hollein: Ja, diese Möglichkeit spricht klar gegen eine Fristenlösung. Es kann Ihnen passieren, dass vielleicht im Jahr 2030 einmal ein Dokument in einer Scheune auftaucht, das klarmacht, dass ein Werk 1938 eben nicht freiwillig verkauft worden ist, sondern verfolgungsbedingt. Das betrifft nicht nur Werke, die das Museum während des Zweiten Weltkrieges erworben hat. Sie können ein Werk 2006 erworben haben, das trotzdem ein Restitutionsfall ist. Mit dieser Unsicherheit müssen wir alle leben, das ist ein Erbe, das nicht per Fristenregelung erledigt werden kann.

Gross: Ich finde die Diskussion um Fristen auch nicht förderlich. Wir haben jetzt sowieso keine rechtlichen Fristen mehr, sondern nur die moralische Selbstverpflichtung. Man muss eben sagen: Es gibt Spätfolgen, die unberechenbar sind. Aber es ist sicherlich für die Institutionen tragbar, mit diesem Risiko weiterzuleben und auch zur Not etwas zurückzugeben, weil wir als Direktoren in unseren Häusern nichts Geraubtes haben wollen. Es ist diese Haltung, die wir, glaube ich, hier ausdrücken möchten.

Wie gehen wir mit Raubkunst aus jüdischem Besitz um?

In der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 verpflichteten sich zahlreiche Staaten, „Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“, zu identifizieren, die Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden, da in den meisten Fällen Rechtsansprüche verjährt sind. Da, wie zurzeit eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt zeigt, geraubte Werke auch nach 1945 bewusst vor den Besitzern versteckt wurden, gilt es als unstrittig, dass eine moralische Rückgabeverpflichtung besteht. Aber wer entscheidet in strittigen Fällen? Wie gehen Museen mit ihrer Sammlungsgeschichte um, die oft auch eine Raubgeschichte ist? Bedarf es einer Fristenlösung, um auf lange Sicht Rechtssicherheit zu schaffen? Diese Fragen wird die zweite „Holocaust Era Assets“-Konferenz diskutieren, die vom 26. bis zum 30. Juni in Prag stattfindet. F.A.Z.

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