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Raubkunst : Wir wollen nichts Geraubtes in unseren Museen

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Gross: Washington hat viel in Gang gebracht. Bei der jetzt endlich intensivierten Debatte um die Rückgabe von jüdischem Eigentum finde ich eines allerdings schwierig: Es wird der Eindruck erweckt, dass hier öffentliches Kulturgut, welches im Museum gezeigt wird, von privaten, oft als geldgierig dargestellten jüdischen Überlebenden oder ihren Nachfahren zurückgefordert wird, mit dem Ziel, auf dem boomenden Kunstmarkt Geld zu machen, nachdem man sich lange nicht um den Familienbesitz kümmerte.

Wie kommt es zu diesem Eindruck?

Gross: Das ist eine hochproblematische Verzerrung des Sachverhalts, die nur entstehen und ernst genommen werden kann, wenn man das Ausmaß des Raubs nicht kennt und nicht weiß, wie die Akteure nach 1945 den Verbleib der Werke teilweise bewusst verschleiert und Rückgaben behindert haben. Deswegen wollen wir in der Ausstellung das ganze Räderwerk des Raubs zeigen: von den Museen über den Kunsthandel bis zu den privaten Auktionen, die hier in Frankfurt und auch in ganz Deutschland ja in unglaublicher Zahl stattgefunden haben. Der Einsatzstab Rosenberg war wahrscheinlich eine der größten Kunstraubmaschinen in der Geschichte.

Hollein: Mein persönlicher Eindruck ist auch, dass die Ausstellung das wirklich leistet: Man sieht die Systematik, das Ausmaß und eine einfach schockierende Form von Museumspolitik. Wir sind eine neue Generation, die sich jetzt mit dieser Geschichte beschäftigt, und wir tun das auch, weil vieles nicht getan wurde in den letzten fünfzig Jahren - und weil wir durch andere Themen für das Unrecht sensibilisiert sind, durch die Zahlungen etwa, die Unternehmen in den letzten Jahren an Zwangsarbeiter entrichteten.

In der Folge der Washingtoner Erklärung wurde die Limbach-Kommission eingerichtet, die angerufen werden kann, wenn etwa ein Museum und eine Erbengemeinschaft sich nicht über einen Restitutionsfall einigen können ...

Gross: ... wobei der Konstruktionsfehler der Kommission ist, dass sie nicht vorsieht, was die Washingtoner Konferenz fordert, dass nämlich die „Gremien, welche die Identifizierung der durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerke vornehmen und zur Klärung strittiger Eigentumsfragen beitragen sollen, eine ausgeglichene Zusammensetzung haben“. Die Limbach-Kommission enthält leider nicht die Opferseite.

Sie muss also verändert werden?

Gross: Ja. Es muss natürlich Vertreter auch der Opferseite darin geben. Und es ist widersinnig, dass beide betroffenen Parteien der Anrufung zustimmen müssen. Es liegt so in der Hand der betroffenen Museen, eine quasischiedsgerichtliche Klärung zu torpedieren.

Herr Hollein, was sagen Sie als Vertreter eines Museums zu dieser Idee, die Limbach-Kommission umzugestalten?

Hollein: Die Limbach-Kommission hat sicherlich noch ein anderes Problem. Wenn sich zwei Parteien erst darauf einigen, auf die Empfehlung eines Schiedsgerichts zu hören, und dann, wie im Fall der Berliner Plakatsammlung Sachs geschehen, einer Seite das Urteil nicht passt, diese trotzdem den Rechtsweg beschreitet, dann ist eine solche Instanz natürlich obsolet. Die Frage ist: Wird die Limbach-Kommission in Zukunft überhaupt noch von einem Museum angerufen, wenn man nicht weiß, ob deren Empfehlung doch noch von Gerichten gekippt wird?

Kommt die Limbach-Kommission aus dieser Krise wieder heraus? Oder muss sie besser abgeschafft werden?

Hollein: Die Anzahl der Fälle, für die die Limbach-Kommission angerufen worden ist, ist sehr überschaubar, und im letzten Fall ist es auch noch schiefgegangen: Also muss sich etwas ändern.

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