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Raubkunst : Wir wollen nichts Geraubtes in unseren Museen

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Gross: Dies ist ja keine Ausstellung über das Städel, sondern eine, die sich mit Museen, Museumsdirektoren und Akteuren des Kunstraubs im Nationalsozialismus auseinandersetzt. In diesem Kontext ist eine der wichtigen Figuren tatsächlich Ernst Holzinger ...

... der Direktor des Städel von 1938 bis 1972.

Gross: Welche Rolle genau Holzinger gespielt hat, muss noch erforscht werden, und das geschieht, wie Herr Hollein sagt, ja auch gerade. Wir zeigen zwei Dokumente: Eines von 1952, ein Memorandum zur „Festsetzung eines naheliegenden Termins für den Abschluss der Restitution“; es belegt, dass er einen Schlussstrich gefordert hat. Und wir haben ein Dokument, wo ihn 1942 der Frankfurter Oberbürgermeister für seine großen Verdienste bei der Beschaffung von Kunstwerken lobt. Mündliche und schriftliche Quellen gehen in diesem Fall in der Stadt Frankfurt massiv auseinander, und insofern scheint die Geschichte noch offen. Sie ist entsprechend ein Gegenstand hoher Emotionalität.

Hollein: Bei den gezeigten Dokumenten muss der Kontext mit einbezogen werden. Dass seine Forderung aus heutiger Perspektive falsch war, ist klar. Man darf aus den Dokumenten aber auch nicht voreilig schlussfolgern, dass Holzinger die herausragende Figur der damaligen Restitutionsgegner gewesen wäre. Das Memorandum wurde von zahlreichen weiteren Museumsdirektoren unterzeichnet. Das war kein Alleingang, sondern entsprach einer Stimmungslage in der Museumsszene. Man muss auch sagen, dass die Ausstellung das Städel in der Zeit des Nationalsozialismus nur mit diesen beiden Dokumenten spiegelt. Das ist natürlich viel zu undifferenziert, um die Geschichte des Hauses und auch die Rolle Holzingers, von dem beispielsweise auch bekannt ist, dass er Max Beckmann heimlich im Exil besucht hat, beurteilen zu können.

Gross: Jeder Teil der deutschen Nachkriegsgesellschaft - Juristen, Mediziner, Politiker oder eben Museumsdirektoren - hatte seine Methode, zu rechtfertigen, dass er vor 1945 begeistert mitgemacht, kollaboriert oder zumindest nicht protestiert hat. Alle haben eine Erklärung, die darauf hinausläuft, dass sie eigentlich die Opfer waren. Die Museen argumentierten mit den Folgen der „Entarteten Kunst“: Sie sagen: „Uns wurden 1937 Bilder weggenommen, wir waren also Opfer der Nationalsozialisten.“

In Österreich gibt es ein Gesetz, das Museen zu Rückgabe und Recherche verpflichtet. Wir haben nur die „Washingtoner Erklärung“ (siehe Kasten). Würden Sie sich eine gesetzliche Regelung wünschen?

Hollein: Ich glaube, das Städel ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Museen in der Lage sind, ihre Verantwortung selbst zu sehen und dementsprechend zu handeln. Außerdem ist das Städel eine private Stiftung. Selbst ein Gesetz des Bundes würde uns vermutlich nicht betreffen, und genaugenommen ist auch die Washingtoner Erklärung an sich auf uns nicht direkt anwendbar. Wir fühlen uns ihr aber verpflichtet und handeln danach.

Herr Gross, reicht aus Ihrer Sicht das Washingtoner Abkommen aus?

Gross: Ich denke hier von den Opfern aus: Eine Gesetzesinitiative würde alle laufenden Verhandlungen zu einem Ende bringen, weil alle Verantwortlichen sagen würden: Jetzt müssen wir erst einmal warten, wie dieses Gesetz aussieht. Das heißt, man würde wahrscheinlich Jahre verlieren, bis wieder restituiert wird. Eine Gesetzesvorlage wäre also eher ein Zeitverlust für die Opfer oder ihre inzwischen auch oft hochbetagten Erben.

Also reicht Washington?

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