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Raubkunst : Unkenntnis, Ignoranz oder Provokation?

  • -Aktualisiert am

Unter Raubkunst-Vorwurf: „Die Bergmäher” von Albin Egger-Lienz Bild: Museum

An der Egger-Lienz-Ausstellung im Wiener Leopold Museum hat sich eine Debatte neu entzündet: Der Sammler Rudolf Leopold soll wissentlich Raubkunst erworben haben und zeigt sie selbstbewusst.

          Wie geriet der Wiener Kunsthändler Herbert Giese ins Schwärmen, als er Anfang der neunziger Jahre erstmals in die Privatsammlung von Rudolf Leopold vorgelassen wurde. Eine Art „Wunderkammer, der Zeit um 1600 vergleichbar oder gar der Höhle des Ali Baba“, beschrieb der zur Inventarisierung und Schätzung bestellte Experte Leopolds Kostbarkeiten später. Aber nicht nur die Kunst faszinierte Giese, sondern auch die zahllosen Bücher, Monographien, Werkverzeichnisse, Ausstellungs- und Versteigerungskataloge, die der besessene Augenarzt im Lauf seiner fünfzigjährigen Passion zusammengetragen hatte.

          Leopold schildert gern seine Lust beim Aufspüren von Bildern und wie er seine anvisierte Beute auch über Jahre beharrlich verfolgte. Österreichs anerkanntester Sammler sparte nie mit Selbstlob in Bezug auf seine Kennerschaft von Egon Schiele, was sich mitunter anhörte, als hätte er den Künstler als Erster entdeckt. Als der 1925 geborene Mediziner in den fünfziger Jahren zu sammeln begann, lag der Preis für den Künstler danieder; selbst vielen Kunsthistorikern galten dessen Werke als Pornographie. Leopold wurde für seinen Geschmack sogar verspottet. In den Erzählungen über seine Schiele-Leidenschaft kommen die jüdischen Sammler, die den Frühexpressionisten schon vor dem Zweiten Weltkrieg gekauft haben, nur selten vor. Im Lichte neuer Restitutionsforderungen wird nun die Frage virulent, ob Leopold beim Erwerb etlicher Werke den Verdacht auf Raubkunst ausschließen konnte.

          Stures Ausblenden der Opfer

          Jenny Steiner, Heinrich Rieger oder Lea Bondi: Die Namen der jüdischen Kunstsammler scheinen 1930 in dem ersten, von Otto Nirenstein verfassten Werkkatalog zu Egon Schiele als Besitzer auf. Leopold schilderte selbst in einem Interview, dass er dieses Buch 1950 erworben hat. Trotz der darin genannten Enteigneten besteht er auf dem „rechtmäßigen und gutgläubigen Erwerb“ aller 5000 Werke seiner Kollektion. Das sture Ausblenden der Opfer des Nationalsozialismus brachte dem Sammler nun erstmals breite öffentliche Kritik ein.

          Egon Schieles „Liegende Frau”

          Die aktuelle Debatte entzündete sich aber zunächst nicht an Leopolds Schiele-Schatz, sondern an der großen Retrospektive „Albin Egger-Lienz 1868-1926“, für deren umfassende Präsentation das Leopold Museum viele Leihgaben besorgte. Dass die Provenienzen von vierzehn Exponaten umstritten sind, erwähnen Ausstellung und Katalog nicht. Man habe anstelle über die Leihgeber über die Fälle sprechen wollen, rechtfertigt sich das Museum. Als Plakatsujet dient das Bild „Die Bergmäher“ (1907) aus der hauseigenen Sammlung, das Leopold 1970 erworben hat: Dessen Herkunft wurde aber bereits von im Jahr 2001 veröffentlichten Recherchen angezweifelt. Gemeinsam mit Egger-Lienz' monumentalem Bauernbild „Mann und Weib“ (1910), das für die aktuelle Schau aus dem Kärntner Landesmuseum geliehen wurde, hing es einst in der Villa von Oskar Neumann. Die 200 Kunstwerke umfassende Sammlung des Wiener Architekten ist seit 1938 fast vollständig verschollen.

          Zögerliche Provenzienzforschung

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