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Terror in Charleston : Das Einzeltätervolk und seine Taten

Betroffen trauert man um die Opfer aus Charleston. Doch das Problem ist nicht allein ein Attentäter, sondern die Norm-Vorstellungen in den Köpfen. Bild: AFP

Ein Rassist hat in einer Kirche in Charleston, South Carolina, neun Menschen erschossen. Die Vereinigten Staaten aber tun sich schwer, das als einen Akt des Terrorismus zu erkennen.

          In Shakespeares Königstragödie „King Lear“ ist der Narr die einzige Figur, die beim Namen nennen darf, was vor aller Augen geschieht. Der Fernsehkomiker Jon Stewart hat dies nach den Morden von Charleston unter Verzicht auf seine üblichen Witze getan, als er das Verbrechen einen Terroranschlag nannte. Terror, weiß die amerikanische Öffentlichkeit, ist der Versuch, eine strategisch-politische Konstellation durch eine Tat zu verschärfen, die Schrecken hervorruft.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Warum also, fragte Stewart, kam sofort nach Bekanntwerden des Verbrechens von Charleston anstelle einer Terrordiskussion die ausgeleierte Rederoutine von der offenbar subjektlos über die Opfer verhängten „Tragödie“ auf? Weshalb hat sich das politische Lager um den reaktionäre Fernsehsender Fox News sein Beschwichtigungsgeschwätz über den typischen einsamen Irren, dessen Taten nun mal nie vorauszusehen seien, nicht wenigstens diesmal verkniffen? Woher nahmen wertkonservative Besonnenheitsdarsteller, die im Fall privater oder staatlicher, vor allem polizeilicher Brutalität gegen schwarze Bürgerinnen und Bürger ihre Gebetsmühle namens „das Böse sitzt überall“ mittlerweile wie im Schlaf anwerfen, die Selbstgefälligkeit, ihren Sermon abermals aufzusagen?

          Hier sind Manifeste überflüssig

          Zwei muslimische Fanatiker, die im Mai des laufenden Jahres eine Mohammed-Karikaturen-Ausstellung in Texas stürmen wollten, waren für die ewigen Einzeltäterfachleute von Fox & Co. umgekehrt jedenfalls keine isolierten Manifestationen allgemeinmenschlicher Verworfenheit, sondern Terroristen, also lebendige (aber zum Glück schnell erschossene) Beweise für Notwendigkeit wie Rechtmäßigkeit des elenden „Krieges gegen den Terror“. Der bricht Völkerrecht, beschnüffelt den eigenen Souverän elektronisch, bombardiert Länder flächendeckend und nimmt Hochzeiten oder Beerdigungen aus der Luft mit Drohnen unter Beschuss, wenn da nur ein paar Bekannte von Verwandten von Freunden Terrorverdächtiger vermutet werden.

          Dylann Storm Roof hat sich bewusst die Kirche von Charleston für sein Attentat ausgesucht: Er wollte ein Zeichen für die Unterdrückung der Schwarzen setzten.

          Terror? Krieg? Der Mörder von Charleston hat sich eine symbolisch-historisch hochaufgeladene Erinnerungs- und Hoffnungsstätte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung für seine Tat ausgesucht. Er soll dort erklärt haben, er sei gekommen, um Schwarze zu töten. Zuvor ließ er sich mit Abzeichen auf der Kleidung fotografieren, die Wappen afrikanischer Staaten waren, in denen Schwarze von Weißen unterdrückt wurden. Dieser Mann braucht kein Manifest zu schreiben, um seine Sicht der Dinge zu erläutern; schon die Mühe, die sich Anders Breivik damit gemacht hat, war überflüssig.

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