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Rassismus und Debattenkultur : Baldwin versus Buckley

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Viele Afroamerikaner haben nach der Tötung George Floyds keine Lust mehr auf Debatten. Bild: dpa

Im Jahr 1965 trafen sich in Cambridge James Baldwin und William F. Buckley Jr. zu einer öffentlichen Diskussion über den Preis des amerikanischen Traums. Hatten die Schwarzen ihn bezahlt? Rückblick auf eine historische Debatte.

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          Die Debatte ist seit einigen Jahren ein Markenzeichen des Feuilletons, womit politische Agenden die herkömmliche Kulturberichterstattung zurückgedrängt haben. Jüngst gab es ein wahres Feuerwerk von Meinungsbeiträgen zu Auslassungen Achille Mbembes zur Politik Israels und seiner Ausladung von der Ruhrtriennale, die ihm das eintrug. Manche Debatten dienen inzwischen indes eher der Niederringung und Kaltstellung von Meinungen. Daher lohnt der Blick zurück auf eine spektakuläre Diskussion, die vor 55 Jahren an der Cambridge University stattfand. Dass da am 8. Februar 1965 ein herausragender schwarzer Intellektueller, James Baldwin, gegen William F. Buckley Jr., einen prominenten Vertreter der New Right, zum Thema „Rassismus in Amerika“ antrat, demonstriert beim Nachlesen (und Anschauen auf Youtube) die Aktualität der auf dem Höhepunkt der damaligen Bürgerrechtsbewegung angesetzten Debatte. Die Brandaktualität macht auch plausibel, warum viele Afroamerikaner nach der Tötung George Floyds und anderer durch weiße Polizisten keine Lust mehr an Debatten haben. Und nicht zuletzt, welche Debattenkultur verlorengegangen ist: Wo würde sich ein Schwarzer noch einem weißen Kulturkämpfer (und umgekehrt) stellen, und wo, falls eventuell doch, könnte ein solcher Schlagabtausch noch ungestört ablaufen?

          Ein intellektueller Schlagabtausch war es jedenfalls, den sich der damals auf einem Höhepunkt seiner literarischen Karriere befindliche Baldwin mit Buckley lieferte, der ein Jahr zuvor den ultrarechten Republikaner Barry Goldwater bei dessen (krachend gescheiterter) Präsidentschaftskandidatur gegen Lyndon B. Johnson unterstützt hatte. „Geh da lieber nicht hin“, hatte Baldwins Agent den in Südfrankreich lebenden, gerade auf Buchtournee in der Alten Welt befindlichen Romancier (Go Tell it on the Mountain, Giovanni’s Room, Another Country) und Essayisten (Notes of a Native Son, Nobody Knows My Name, The Fire Next Time) beschworen. Aber Baldwin wollte mit einem absoluten Antipoden wie Buckley die rhetorische Klinge kreuzen und dem Opponenten der Gleichstellung in die Parade fahren, der ihn als eine „eloquente Drohung“ für Amerika denunziert hatte.

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