https://www.faz.net/-gqz-9vp6d

Kritik von Ai Weiwei : Nur nicht zu selbstgefällig

  • -Aktualisiert am

Er polarisiert: Künstler Ai Weiwei Bild: dpa

Ai Weiwei hat im „Guardian“ von seinen Erlebnissen mit Rassismus in Deutschland berichtet. Sein Urteil bezieht sich nicht allein auf rechte Milieus, sondern auf das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Klima.

          1 Min.

          Interviews mit Ai Weiwei können in Deutschland immer mit starker Resonanz rechnen. Das war schon so, als er von Peking aus die Kommunistische Partei Chinas kritisierte, und das bleibt so, seitdem er von Europa aus nun die Deutschen kritisiert – nur dass er im Zuge des Perspektivwechsels vom Sprachrohr zum Hassobjekt vieler geworden ist. Jetzt hat er in einem Gespräch mit der britischen Zeitung „The Guardian“ sogar das Nazi-Wort ausgepackt: „Faschismus bedeutet, eine Ideologie über andere zu stellen und diese Ideologie reinzuhalten zu versuchen, indem man andere Arten zu denken ablehnt. Das ist Nazismus. Und dieser Nazismus existiert durchaus im deutschen Alltag heute.“

          Es ist leicht, einen solchen Wortgebrauch als zu unscharf, verallgemeinernd und durch die angeführten Belege – wieder die rüden Berliner Taxifahrer, die schon in einem Interview im vergangenen Jahr als Kronzeugen der Anklage auftauchten – in keiner Weise gedeckt zu verwerfen. Aber vielleicht ist es etwas zu leicht, sich mit dem Begriff auch die damit gemeinte Kritik vom Leibe zu halten. Vergangene Woche hatte Ai in der „New York Times“ von der Strafanzeige eines Berliner Kasino-Angestellten gegen ihn berichtet, dessen Redeweise („Vergessen Sie nicht, dass ich Sie ernähre“) er als „rassistischen Kommentar“ und „Nazi-Verhalten“ bezeichnet hatte. „Mir ist sehr bewusst“, schrieb Ai dazu, „dass das Wort ,Nazi‘ tabu ist in Deutschland“, doch er habe es „nicht als Schimpfwort, sondern als allgemeinen analytischen Begriff“ gemeint.

          Stellvertretend für eine ganze Gesellschaft

          Es ist für ihn offenbar eine Zusammenfassung all dessen, was ihm in seinen Berliner Jahren an den Deutschen aufgestoßen war: rauhe Umgangsformen und Autoritätsgläubigkeit in Verbindung mit einem tiefsitzenden kulturellen Überlegenheitsbewusstsein, gipfelnd in der Behauptung: „Sie mögen wirklich keine Ausländer.“ Verstörend daran ist, dass er dieses Urteil nicht allein auf bestimmte rechte Milieus bezieht, sondern auf das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Klima – das doch aus der deutschen Binnensicht so kosmopolitisch, divers und frei ist wie kaum ein anderes.

          Vielleicht ist ein so anarchischer, impulsiver, privilegierter, wütender, nicht kalkulierender Geist, wie Ai Weiwei es ist, genau das, was ein solch vorzügliches Klima von Zeit zu Zeit brauchen kann, um nicht selbstgefällig zu werden.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren
          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Whitney Houston-Hologramm auf Tour Video-Seite öffnen

          Durch Europa unterwegs : Whitney Houston-Hologramm auf Tour

          Einen Abend mit Whitney Houston konnten Fans der verstorbenen Sängerin im britischen Sheffield erleben. Die Legende stand als Hologramm zum Auftakt einer Europatour dank moderner Technik noch ein mal auf der Bühne.

          Topmeldungen

          Wuhan und die Bilder des neuen Alltags: Medizinische Mitarbeiter mit Atemmasken und Schutzanzügen.

          Virenalarm: Schock und Risiko : Die Seuche in unseren Köpfen

          Der Coronakrisenstab übernimmt: Sind die Reaktionen auf die Ausbreitung der neuen Viren übertrieben oder angemessen? Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst.

          Angriffe auf Sanders : Bernie, die rote Gefahr?

          Was viele Demokraten über den Spitzenreiter Bernie Sanders sagen, geht über die übliche Kritik in einem Vorwahlkampf hinaus. Ist er ein Kommunist? Will er das Gesundheitswesen in Planwirtschaft ersticken? Ja, ist er überhaupt ein Demokrat?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.