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Rassismus in Amerika : Zerstörte Gleichheit

  • -Aktualisiert am

Mit einem Ballon tritt eine Demonstrantin einem Polizisten gegenüber: Szene eines New Yorker „Black Lives Matter“-Protests Anfang des Monats. Bild: Reuters

Die Vereinigten Staaten werden von einer Protestwelle gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt erfasst. Mindestens ebenso erschütternd aber ist die alltägliche Verachtung, die schwarzen Amerikanern entgegenschlägt. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Als ich Ende 2008 mit einem befreundeten Anthropologieprofessor in den Vereinigten Staaten über die Gewaltausbrüche sprach, zu denen es seit Jahrzehnten in den ärmeren Vierteln der französischen Großstädte kommt, wenn ein Mensch bei Polizeieinsätzen stirbt, da lachte er nur: „Wenn die Bewohner der inner cities jedes Mal auf die Barrikaden gingen, sobald einer der Ihren von der Polizei getötet wird, befände das Land sich permanent im Aufruhr.“

          Ich hatte damals gerade zwei Jahre lang die Praxis der Polizei in einer französischen Banlieue untersucht. Begonnen hatte ich diese Studie nur wenige Monate vor der Welle von Unruhen, zu denen es im Herbst 2005 nach dem Tod zweier Jugendlicher gekommen war, die vor der Polizei geflüchtet waren. Meine Untersuchung endete kurz vor den öffentlichen Tumulten, die nach dem Begräbnis zweier anderer Jugendlicher ausgebrochen waren, die im Oktober 2007 ein Polizeiwagen überfahren hatte.

          Eine Welle der Empörung

          Auf der anderen Seite des Atlantiks waren solche Proteste seit den Unruhen, die Los Angeles im Jahr 1992 erschüttert hatten, nahezu vollständig verschwunden. Die Verfahren gegen die Polizeibeamten, die wegen ihres brutalen Vorgehens gegen den Afroamerikaner Rodney King vor Gericht standen, waren eingestellt worden. Ein Teil der schwarzen Bevölkerung reagierte mit blutiger Gewalt. Mein Kollege wusste das nur zu gut, da er selbst im Milieu armer Afroamerikaner geforscht hatte. Der Vergleich zwischen beiden Ländern war auch Gegenstand von sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die nach Erklärungen für die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Bevölkerungen suchten.

          Im Sommer 2014 wurden die Forscher allerdings von den Ereignissen widerlegt. Die Erschießung des achtzehn Jahre alten Schülers Michael Brown in Ferguson durch einen Polizisten und das maßlose Vorgehen der Polizei gegen friedliche Demonstranten lösten eine Welle der Empörung im gesamten Land aus. Schon zwei Jahre zuvor hatte der Tod des Schülers Trayvon Martins und der Freispruch des Wachmannes, der ihn erschossen hatte, zur Entstehung einer sozialen Bewegung geführt: Black Lives Matter.

          Doppeltes Leid

          Nach den Ereignissen von Ferguson kam es zu einer ganzen Reihe tragischer Todesfälle dieser Art. Der Wunsch nach Rache wurde durch die Milde der Justiz verstärkt, mit der Polizisten nach den Tötungen rechnen können. Zwar werden in 99 Prozent aller Tötungsfälle Verfahren zu einer gerichtlichen Klärung der Schuld eingeleitet. Dies gilt aber nicht einmal für ein Prozent der Fälle, wenn es sich bei dem möglichen Täter um einen Polizisten handelt.

          Heute scheint die Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod von Menschen durch Polizeigewalt nicht mehr die Regel zu sein. Tatsächlich galt diese Haltung schon immer nur für die Behörden, die Medien und die Mehrheitsgesellschaft. Die ethnischen oder rassischen Minderheiten hatten doppelt zu leiden: unter der Brutalität der Polizei und dem Schweigen ihres Umfelds. Bezeichnend für die noch bis vor kurzem herrschende Indifferenz ist die Tatsache, dass die Todesfälle statistisch nur summarisch und diskret festgehalten wurden.

          Junge Schwarze als „Spitzenprädatoren“

          Die Statistik des FBI erfasste nur ein Drittel der Tötungsfälle und wurde niemals veröffentlicht. Eine unabhängige Zählung des britischen „Guardian“ im Jahr 2015 ergab insgesamt 1134 Todesfälle, und diese Zahl ist wahrscheinlich noch zu niedrig angesetzt, da sie nur auf Daten aus Lokalnachrichten basiert. Junge Schwarze haben demnach ein fünf Mal höheres Risiko, von Polizisten erschossen zu werden, als junge Weiße und ein neun Mal höheres als die männliche Gesamtbevölkerung.

          Der Waffeneinsatz wird von den Polizisten meist mit einem Gefühl der Bedrohung rechtfertigt. Es ist jedoch bemerkenswert, dass die schwarzen Opfer von Polizeigewalt doppelt so oft unbewaffnet sind wie die weißen. Es geht hier offenbar stärker um die subjektive Wahrnehmung der Situation als um objektive Bedrohung. Die subjektive Einschätzung hat zwei Faktoren: eine Kalkulation des Risikos, die wiederum mit rassischen Vorurteilen über junge Schwarze zusammenhängt (die gelegentlich als „Spitzenprädatoren“ bezeichnet werden), und eine Einschätzung des Werts der Person.

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