https://www.faz.net/-gqz-7itnv

Rapper Denis Cuspert : In Allahs Gang

Immer auf der Suche nach irgendetwas

Da zu sein und wieder zu verschwinden, oft monatelang, war eine Konstante in Denis Cusperts altem Leben. Sie hätten deshalb erst gar nicht begriffen, dass er nicht mehr kommen wird, sagen die Jungs vom Kotti. Sie hätten sich daran gewöhnt, dass er oft im Knast ist, und wenn er nicht im Knast war, dann sei er immer „auf der Suche nach irgendwas“ gewesen und irgendwann wieder aufgetaucht. „Er war ein Unbedingt-dazugehören-Woller“, sagt Charnell und erinnert sich: Als er einmal länger in Florida war, behauptete er, um anzugeben, dort bei den Crips gewesen zu sein, der größten Jugendgang Amerikas - promt tauchte Denis mit einer „Crips“-Tätowierung auf der Brust auf. „Eine Zeitlang wollte er unbedingt ein Kurde sein, dann fand er die Aleviten toll und trug sogar als Armschmuck ein silbernes alevitisches Schwert“, sagt Hüseyin. „Mir hat er auch so eins geschenkt. Er bestand darauf, dass ich es trage.“ „Er hat eine Zeitlang gesprochen wie ein Kanake. Er hat sich damit lächerlich gemacht.“

Ein Rapper wollte Cuspert irgendwann sein. Da ihm wegen seiner vielen Vorstrafen auch kaum noch etwas anders übrigblieb, gab Charnell, er ist einer der Urväter des deutschen Gangsta-Raps, ihm eine Chance und holte ihn 2002 in sein damaliges Label. Cuspert befand sich damals im offenen Vollzug, und Charnell zeigte ihm, wie man Musik macht, wie man rappt, und beschäftigte ihn im Verkauf, damit er etwas Geld verdienen konnte. Ein überflüssiger Regelverstoß beendete Cusperts offenen Vollzug. Als er Monate später schließlich ganz aus dem Gefängnis entlassen wurde, wandte er sich anderen Rapper-Freunden zu: „Bei Denis ist das oft so gewesen“, sagt Charnell, „er konnte nicht anders, er brauchte neue Aufmerksamkeit.“ Im Jahr 2011, kurz nachdem Cuspert nur noch in Berliner Moscheen anzutreffen war, veröffentlichte er auf Youtube ein Video, in dem er Musik zu Teufelszeug erklärt. Er sitzt dabei an einem Tisch, Tränen laufen ihm die Wangen runter. Er sagt: „Bitte, wenn ihr Musik hört oder macht, dann versucht ganz schnell, da rauszukommen. Es ist Haram, es ist hundert Prozent Haram. Allah soll mich nie wieder in diese Szene lassen.“

Jetzt sucht Cuspert den Märtyrertod

Charnell hat Berlin irgendwann verlassen. Er wollte weg aus dieser Stadt, in der er mit Cuspert so viel Mist gebaut hat und in der überall Leute lauerten, die glaubten, dass es noch irgendeine offene Rechnung mit ihnen zu begleichen gibt. Eine Weile lebte er in Amerika. Zurück in Deutschland zog er in die Nähe von Hamburg, ins Grüne, wo er mit seinen Hunden spazieren gehen kann. Gerade hat er mit „Underdog Tape Vol. 2“ sein achtes Soloalbum herausgebracht. Es klingt noch immer ein wenig so wie früher, als Deso Dogg noch ein guter, wenn auch unberechenbarer Kumpel war. Die Texte sind reifer geworden. „Es ist Realitätsmusik“, sagt Charnell.

Cuspert produziert jetzt nur noch Nashids. Die Texte sind einfach, die Melodie bewegt sich meistens an einer Tonhöhe entlang. Trotzdem erreichen sie Jugendliche meistens viel besser als ein salafistischer Prediger in der Moschee. Was Cuspert plant, sollte er eines Tages nach Deutschland zurückkommen, hat er vor einigen Wochen in einem solchen Nashid bekanntgegeben. Das InternetVideo alarmierte das Bundeskriminalamt, seine Terrorwarnung herauszugeben. Cuspert singt darin: „Ich zünde die Bombe inmitten der Menge, drücke auf den Knopf. Mitten im Zentrum oder in der U-Bahn, drücke auf den Knopf.“ Offenbar sucht Cuspert jetzt den Märtyrertod. In Syrien hat er sich bisher nicht erfüllt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Nicht zu stoppen: Boris Johnson

May-Nachfolge : Johnson auch in vierter Auswahlrunde klar vorn

Boris Johnson hat auch die vorletzte Auswahlrunde bei den britischen Konservativen gewonnen. Innenminister Sajid Javid schied aus. Noch heute folgt die letzte Abstimmung bei den Tory-Abgeordneten.
Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.