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Ralph Giordanos Vergleich : Weg mit der Burka!

Ein ästhetisches Ärgernis? Zwei afghanische Burka-Trägerinnen Bild: dpa

Hat Ralph Giordano recht, wenn er die Burka ein öffentliches Ärgernis nennt? Ja - aber nicht, weil sie den ästhetischen Sinn beleidigt, sondern weil sie ein Symbol paternalistischer Unterdrückung ist, meint Christian Geyer.

          „Auf dem Weg hierher“, so sagte unlängst der Schriftsteller Ralph Giordano bei einem Interview-Termin, „musste ich einen Anblick ertragen, der meine Ästhetik beschädigt hat - eine von oben bis unten verhüllte Frau, ein menschlicher Pinguin.“ Eine Aussage aus, wie es scheint, wirrem Grund mit wirren Folgen. Eine der wirren Folgen: ein spontaner Umarmungsversuch der lokalen rechtspopulistischen Sammlungsbewegung „Pro Köln“. Worauf sich Giordano genötigt sieht, mit drastischen Worten gegen den ungebetenen Beifall anzuschreien: „Wenn die zeitgenössische lokale Variante des Nationalsozialismus könnte, wie sie wollte, würde sie mich in eine Gaskammer stecken.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Was für eine entsetzliche Gesprächssituation! Hört das denn nie auf, dieses Reden im Alibimodus? Reden im Alibimodus hört sich so an: Eigentlich will ich A sagen (die Ganzkörperverhüllung der Burka kritisieren), um mich aber mit A nicht verdächtig zu machen, sage ich alibimäßig erst mal B (bin kein Brauner) und C (bin selbst mit einem roten Schal teilkörperverhüllt). Erst dann - endlich, endlich! - bin ich so frank und frei, mein A in trockene Tücher zu bringen, sprich: die Burka ein ästhetisches Menetekel zu nennen, seine Trägerinnen Pinguine. Hätte der Schriftsteller Ralph Giordano doch erst einmal in aller Ruhe erläutert, warum er seinen Tag und Nacht zur Schau gestellten affigen roten Schal als legitimen Ausdruck ästhetischer Selbstbestimmung betrachtet, dann, ja dann hätte er die islamischen Trägerinnen der Burka vielleicht ungestraft mit Pinguinen vergleichen können. So aber sagt man: Weil du gegen die Burka bist und selbst einen roten Schal trägst, bist du ein Freund der Kölner Rechtspopulisten.

          Ein eiliger Denker

          Mit anderen Worten: Korrekt im Sinne des diskursiven Gesellschaftsvertrags hätte sich Giordano verhalten, wenn er seine Polemik gegen die Burka mit einem doppelten Zugeständnis eingeleitet hätte. Er hätte anständigerweise zuallererst folgendes sagen müssen: Auch ich lege, wenn ich gleich die Burka in sehr unverhüllter, ja anstößiger Weise ein ästhetisches Ärgernis nennen werde, meine eigene affige rote Verhüllung ab, da es sich, wie ich aus vielen Drohbriefen weiß, bei meinem Schal ebenfalls um ein öffentliches ästhetisches Ärgernis handelt, das ich als solches nun nicht länger ignorieren möchte. Außerdem hätte Giordano noch etwas sagen müssen, was er dann, wie beschrieben, notgedrungen erst nach seiner Burka-Attacke sagte: Dass er nicht für die Rechtspopulisten von „Pro Köln“ ist, wenn er gleich gegen die Burka aussagen werde. So hätte, mit ein bisschen mehr Sinn für die Regeln des Alibi-Diskurses Giordano seine Pinguine ungehindert auf die Reise schicken können.

          Ein Mann, ein Schal: Ralph Giordano muss Alibipolitik betreiben

          Machen wir uns nichts vor: Giordano ist nicht gerade der Habermas unter den Argumenteträgern. Weniger verhüllt gesprochen: Giordanos Argumente sind oftmals Argumente aus dem Bauch heraus, er ist ein eiliger Denker, der es mit seinen Begründungen nicht so penibel nimmt, Hauptsache, eine Meinung steht. Wenn er das Recht, die Burka zu tragen oder eine Moschee zu bauen, vom Mehrheitswillen der deutschen Bevölkerung abhängig machen will (“Politiker, die für den Bau einer Moschee sind, missachten Volkes Stimme“), dann wird sich der Schrifsteller bald umschauen, welche Themen sonst noch auf der Mehrheitsagenda landen, mit dem Ziel, verbriefte Grundrechte per Plebiszit ausser Kraft zu setzen.

          Ästhetik und Menschenrechte

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