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RAF : Ihr Musterterroristen

7. April 1977, Karlsruhe: Mord an Siegfried Buback Bild: AP

Erstmals sind die Urteile zum Attentat auf Generalbundesanwalt Buback zugänglich. Sie erzählen von doppeltem Scheitern: dem des RAF-Terrors, aber auch dem des Bemühens, die Verbrechen völlig aufzuklären. Von Andreas Platthaus.

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          Zwei Sensationen vorneweg: Die RAF hatte zur Zeit des „Deutschen Herbstes“ 1977 die Strukturen multinationaler Konzerne unserer Tage bereits umgesetzt, und sie traf ihre Entscheidungen konsequent basisdemokratisch. Zusammengenommen ergäbe das die größte Überraschung: Zwei bislang für unvereinbar eingeschätzte Organisationsmodelle sollen auf jeweils mustergültige Weise von einer Terrorgruppe verkörpert worden sein - zumindest wenn man den jetzt endlich freigegebenen Urteilen in der Mordsache Siegfried Buback Glauben schenkt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Generalbundesanwältin Monika Harms hatte sich lange gesträubt, diese Akten zu den Verfahren gegen Knut Folkerts sowie gegen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar zugänglich zu machen. Bisher waren sie Verschlusssachen auf Grundlage der „Richtlinien für Strafsachen und Bußgeldverfahren“: Aus Gründen des Staatsschutzes wollte die Bundesanwaltschaft Akten nicht freigeben, wenn die Ermittlungen noch andauern. Bis heute ist ungeklärt, wer am 7. April 1977 die tödlichen Schüsse auf Generalbundesanwalt Buback und dessen beide Begleiter abgegeben hat. In diesem Frühjahr hat die Frage sogar eine neue Debatte ausgelöst (siehe auch: Kommentar: Bubacks Mitleid mit Klar), als Bubacks Sohn Michael für die Begnadigung Klars plädierte, weil er Informationen erhalten habe, die den Verurteilten in dieser Mordsache entlasteten.

          Die Texte werfen Fragen auf

          Unter dem Druck der Debatte stimmte die Bundesanwaltschaft der eingeschränkten Freigabe zu - die Urteile sind teilweise anonymisiert und werden nur auf Anfrage an Medienvertreter herausgegeben. Beide liegen dieser Zeitung vor; es handelt sich um das 103 Seiten umfassende schriftliche Urteil im Folkerts-Prozess von 1980 und um das 377 Seiten starke Urteil gegen Mohnhaupt und Klar von 1985. Deren Texte werfen Fragen auf, die für unser Verständnis des „Deutschen Herbstes“ und vor allem von dessen juristischer Nachgeschichte von größtem Interesse sind.

          Die Urteile sind nun öffentlich

          Dazu muss man freilich tiefer in die Akten steigen, als es vergangenen Donnerstag die „Bild“-Zeitung tat, die als größte Überraschung der Urteile die Information über eine 1977 geplante Entführung von Willy Brandt bezeichnete. Tatsächlich ist den Akten zu entnehmen, dass der damalige RAF-Kurier Volker Speitel später über ein Treffen von Mohnhaupt, Klar und weiteren Mitgliedern der RAF am 16. April 1977, also nur kurz nach dem Buback-Attentat, berichtet hat, auf dem „erwogen“ worden sei, gegen den gerade in Amsterdam weilenden ehemaligen Bundeskanzler eine Aktion durchzuführen, die „dem Ziel einer Befreiung der Stammheimer Häftlinge nutzbar gemacht werden sollte“. Ein solch spontaner Entschluss hätte aber allen Gepflogenheiten der Terrorgruppe widersprochen, die ihre Attentate und Entführungen stets monatelang vorbereitete.

          Nichts als Protzerei

          Vermutlich war der Plan einer Entführung von Willy Brandt in Amsterdam am gleichen Tage nichts anderes als Protzerei, die noch dadurch befeuert wurde, dass das konspirative Treffen in der niederländischen Stadt Utrecht stattfand. Ähnlich verhält es sich mit einem Luxemburger Treffen zwei Monate später, von dem Hans-Joachim Dellwo, der später wie sein Kurierkollege Speitel ein Zeugenschutzprogramm in Anspruch nahm, berichtet hat. Dabei wurden Pläne geschmiedet, wie man ein Attentat auf ein gerade in Luxemburg stattfindendes Außenministertreffen durchführen könne. Peter-Jürgen Boock schlug vor, einen mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen in das Gebäude fahren zu lassen. Wie aber hätte man diese Aktion nach Beschluss noch durchführen sollen? Das Treffen dauerte nur diesen einen Tag.

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