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Der radikale Islam in Frankreich : Realität in gefährlichen Bildern

Die Hauptniederlassung des französischen Privatsenders M6 in Neuilly-sur-Seine, nahe Paris. Bild: Reuters

Nachdem der Privatsender M6 in seinem Magazin „Zone Interdit“ eine Reportage über den radikalen Islam in der Stadt Roubaix sendete, hagelte es Morddrohungen. Doch die französische Öffentlichkeit scheint der notwendigen Debatte müde zu sein.

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          Der Erste, der mit dem Tode bedroht wurde, war der Bürgermeister der Stadt. Vor zehn Tagen befasste sich die renommierte Sendung „Zone interdite“, Aushängeschild des Privatsenders M6, mit dem Kampf des Staates gegen den „Separatismus in der Republik“. Wenn von der „islamischen Kolonialisierung“ die Rede ist, richten sich die Scheinwerfer auf Roubaix, eine Stadt mit 100 000 Einwohnern – denen hundert verschiedenen Nationalitäten angehören – an der Grenze zu Belgien. Seit dem Zusammenbruch der Textilindustrie gehört ihre Bevölkerung zu den ärmsten in Frankreich.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Drei Tage nach der Sendung wurde ein Mann, der Bürgermeister Guillaume Delbar mit dem Tod drohte, festgenommen. Delbar selbst ist im Dezember zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden: Der Bürgermeister vergab Geldspenden, die er von der Steuer abzog und die ihm von begünstigten Organisationen zurückbezahlt wurden. Bis zum Berufungsverfahren darf er im Amt bleiben. Er verkörpert ein in vielen Städten und Vorstädten praktiziertes System: Mit Subventionen und Sozialleistungen werden die Stimmen der Bürger gekauft. Seit dem Erlass des Gesetzes gegen den „Separatismus in der Republik“ im Jahr 2020 werden tatsächlich Ermittlungen durchgeführt. Allein in Roubaix hat man im letzten Jahr 58 Kontrollen durchgeführt. Geldstrafen wurden ausgesprochen, neun Geschäfte und Institutionen mussten schließen.

          Diese Realität zeigte M6 den Franzosen in spektakulären Bildern. Der Einheimische Amine Elbahi führte die Reporter durch die Stadt. Seit seine Schwester vor ein paar Jahren in den Dschihad nach Syrien zog, kämpft der 25 Jahre alte Jurist gegen den radikalen Islam. Gefilmt wurden im Stadtzentrum auf engem Raum sechs Halal-Metzgereien, Bäckereien, Geschäfte mit arabischen Nahrungsmitteln und drei Buchhandlungen, in denen auch Schleier und Niqabs verkauft werden. Ein Spielwarengeschäft bietet Puppen ohne Gesichtszüge an. Ins Bild gerückt wurden ein Hamam und zahlreiche Restaurants – eines mit Boxen, in denen verschleierte Frauen essen.

          Die Sendung löste das zu erwartende Beben aus

          Die Sendung löste das zu erwartende Beben aus. Dem Sturm der Empörung folgten lange Debatten in den vier Nachrichtensendern. In allen Studios war Amine Elbahi zu Gast. Der radikale Islam gehe von einer kleinen Minderheit aus, sagte Elbahi. Die Muslime liebten Frankreich und wollten sich assimilieren. Die Republik aber schütze sie nicht vor dem Terror der Salafisten. Auch für die Rückkehr der Dschihadisten plädierte er. Seine Nichte und sein Neffe leben ohne ihre Mutter in einem Gefangenenlager.

          Am weitesten trieb die politische Instrumentalisierung Éric Zemmour, der rechtsradikale Kandidat für die Präsidentschaft: „Afghanistan ist in Frankreich, zwei Stunden von Paris entfernt.“ Zemmour stilisiert Roubaix zum Paradebeispiel für die „Islamisierung“ und „große Umvolkung“: „Eine Zivilisation verdrängt eine andere.“ Im Falle seines Wahlsiegs werde er die „Muslimbrüder“ verbieten. Im Fernsehen stritt Zemmour mit dem linksex­tremen Rivalen Jean-Luc Mélenchon (Unbeugsames Frankreich). Dessen Reaktion war genauso voraussehbar: Ein „Angriff auf die Muslime“ sei die Sendung, sie verbreite Rassismus.

          Bei einer Anhörung im Parlament – zur Abhängigkeit der Medien von den Konzernen der Milliardäre – wurde Nicolas de Tavernost, Senderchef von M6, jüngst auch zu der Roubaix-Reportage befragt. Er erläuterte die Vorsichtsmaßnahmen, um die er sich persönlich gekümmert habe: Keiner der Zeugen sei zu erkennen. Zudem musste die Chefredakteurin und Moderatorin des Magazins, Ophélie Meunier, unter Polizeischutz gestellt werden. Gleiches gilt für Amine Elbahi. Seine Telefonnummer zirkuliert im Internet. Er bekam Anrufe, die ihm seine Enthauptung ankündigten: Es werde ihm wie dem Lehrer Samuel Paty ergehen, der während des Charlie-Hebdo-Prozesses im Unterricht die Mohamed-Karikaturen zum Thema gemacht hatte. Die Polizei nimmt die Drohungen ernst. Die zerstrittene Öffentlichkeit ist zu einer kollektiven Protestreaktion kaum mehr in der Lage. Es bleibt bei vereinzelten Solidaritätsbekundungen. Angesichts dieser Lethargie richtete Richard Malka, der Anwalt von „Charlie Hebdo“, einen Aufruf an die Medien. Er lobt den Mut von M6 und fordert alle TV-Sender auf, die Reportage zu übernehmen: „Wenn nichts geschieht und man Amine Elbahi nicht lautstark und vorbehaltlos verteidigt, wird es bald keine kritische Berichterstattung über den Islam mehr geben.“

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