https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/putins-propaganda-dichtet-deutschen-politikern-nazihintergrund-an-18018008.html

Russische Propaganda : Fingierter Nazihintergrund

Opa war kein Nazi: Diesen Buchtitel Harald Welzers darf Olaf Scholz auf sich beziehen, jedenfalls was die ihm von der russischen Propaganda angehängte Familiengeschichte angeht. Er ist nicht verwandt mit dem SS-General Fritz von Scholz. Bild: dpa

Auf deutschsprachigen Telegram-Kanälen dichtet die russische Propaganda Mitgliedern der Bundesregierung Nazi-Vorfahren an. Sie nimmt damit ein populäres Selbstbild der heutigen Deutschen auf, auf das sich auch Harald Welzer bei „Anne Will“ berief.

          6 Min.

          Im Juli 1987 reiste Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu einem Staatsbesuch in die Sowjetunion. Die Epoche von Glasnost und Perestroika war angebrochen, und die Gastgeber arrangierten in Moskau unter anderem eine Fernsehdiskussion des deutschen Staatsoberhaupts mit jungen Kommunisten, die auch im deutschen Fernsehen gesendet wurde. Mathias Schreiber, der Fernsehkritiker dieser Zeitung, notierte mit kulturpatriotischem Stolz, dass der siebenundsechzigjährige Bundespräsident gegenüber dem Führungsnachwuchs der Staatspartei auf „die bramarbasierende Belehrung von oben herab“ verzichtete, die im Diskussionsbetrieb der Bundesrepublik leider üblich geworden sei.

          Der Gast war so höflich und so klug, den unbefangen fragenden Jungkadern so viel Sachkenntnis und soziale Intelligenz zuzutrauen, dass er sich zum Zweck didaktischer Demonstration ausschließlich des Mittels der diplomatischen Ironie bediente, welche seine Gesprächspartner als schmeichelhaft und ermutigend empfinden durften. Auf die wie vorbereitet wirkende Frage „Welche Anti-Kriegs-Bewegungen gibt es in der BRD?“ antwortete Weizsäcker, in der Bundesrepublik sei der Grad an Organisation sehr viel geringer als in der Sowjetunion, da es in seinem Land keine zentrale Steuerung gebe, doch dürfe er dem Fragesteller versichern, dass der Wunsch nach Frieden in der deutschen Jugend nicht geringer sei als in der sowjetischen.

          Eine thematisch verwandte Frage galt „neofaschistischen Tendenzen in der BRD“. Fast jeder andere deutsche Politiker, bemerkte Schreiber, hätte diesen Vorwurf wohl im Brustton der Empörung zurückgewiesen oder wenigstens zurechtgerückt. Weizsäcker begnügte sich scheinbar damit, die Besorgnis „mit gutem Gewissen“ für unbegründet zu erklären, gewann dem unerfreulichen Thema dann freilich noch eine dialektische Pointe in Form einer Hausaufgabe ab. So wie er die Perestroika verstehe, schließe sie auch die „Umgestaltung des eigenen Denkens“ und den Abbau von Klischees ein. 35 Jahre sind vergangen: Wer sich aus der damaligen kommenden Generation der KPdSU die Loyalität zum System bewahrt hat, stellt heute das Führungspersonal von Putins Staatsapparat.

          Rückbildung einer Staatselite

          Die Umgestaltung des Denkens dieser Elite, die mit der Einbildung einer historischen Berufung an ihre Aufgaben herangeht, ist steckengeblieben, ja, man muss sogar von einer Rückbildung sprechen: Immer noch werden neofaschistische Tendenzen in der Bundesrepublik Deutschland ausgemacht, und dieser scheinbare Befund wird denkbar primitiv begründet, mit Clan-Denken als biologistischer Schrumpfform des Materialismus. Der Bundeskanzler und der Bundesfinanzminister, verkündet die russische Propaganda auf deutschsprachigen Telegram-Kanälen, stammten von Nazis ab. Die als Beweise präsentierten Bildmontagen zeigen allerdings nicht die Großväter von Scholz und Lindner, sondern Namensvettern. Warum soll ein deutsches Publikum etwas auf diese plumpen Fälschungen geben?

          Wie Weizsäckers subtile Überzeugungsarbeit 1987 in Moskau setzen auch die heutigen russischen Denunzianten beim Selbstbild des Gegenübers an. Im deutschen Volk ist die Vorstellung populär, seine Identität im Bösen wie im Guten werde dadurch bestimmt, dass es sich aus Familien „mit Nazihintergrund“ zusammensetze, um einen Begriff zu verwenden, dessen Erfinder, die Instagram-Publizisten Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah, soeben in Wolfenbüttel mit dem Förderpreis des Lessing-Preises für Kritik ausgezeichnet wurden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Rauch der Ölraffinerie von Lyssytschansk steht über der Stadt.

          Krieg in der Ukraine : Selenskyj: „Der Donbass wird ukrainisch sein“

          Der ukrainische Präsident spricht von einer sehr schwierigen Lage im Osten des Landes. Russland setze ein Maximum an Artillerie und Reserven ein. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche sagt sich vom Moskauer Patriarchat los. Die Nacht im Überblick

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.