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Russische Propaganda : Fingierter Nazihintergrund

Über die „Sprecherposition“ der „Mitglieder dieser Gesellschaft“, für die der braune Hintergrund das wichtigste Element aller Familienfotos geworden ist, belehrte am 8. Mai in der Talkshow von Anne Will der Sozialpsychologe Harald Welzer den ukrainischen Botschafter. Für die Viertelmillion Unterzeichner des offenen Briefes, der den Ukrainern die Lieferung schwerer Waffen verweigern will, nahm Welzer in Anspruch, dass sich wahrscheinlich jeder von ihnen aufgrund einer in der eigenen Familie weitergegebenen Kriegserfahrung engagiere. So habe in der „legendären Rede“ am 8. Mai 1985 „die Person Richard von Weizsäcker von Befreiung gesprochen, obwohl sein eigener Vater in Nürnberg verurteilt worden ist als Kriegsverbrecher“.

Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1938 bis 1943 und danach deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl, wurde 1949 im Wilhelmstraßen-Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Haft verurteilt. Sein Sohn Richard assistierte als angehender Jurist den Verteidigern des Vaters und firmierte 1950 auch als Herausgeber von dessen „Erinnerungen“. Bei Auslandsreisen wurde der 1984 gewählte fünfte Bundespräsident gelegentlich mit der Erinnerung an seinen Vater konfrontiert. Einen Monat vor dem Staatsbesuch in der Sowjetunion hielt Weizsäcker 1987 die Festrede auf der Abschlussfeier der Harvard-Universität. Der bekannte Anwalt und Rechtsprofessor Alan Dershowitz protestierte gegen diese Ehrung: Er habe seinem Vater geholfen, einen Meineid zu leisten, als dieser Kenntnis vom Holocaust bestritten habe.

Er war einer der Hunnen

In Russland blieb Weizsäcker eine solche Wiederbegegnung mit seiner Vergangenheit erspart – auch weil diese keineswegs nur den sowjetischen Behörden bekannt war. Von Moskau reisten der Bundespräsident und seine Delegation weiter nach Leningrad. 1943 hatte Weizsäcker als Oberleutnant an der furchtbaren Belagerung der Stadt teilgenommen, die 900 Tage dauerte und ein Drittel der drei Millionen Einwohner das Leben kostete. Schon als Bundestagsabgeordneter und evangelischer Kirchenvertreter hatte er Leningrad wiedergesehen. Gegenüber seinen Gastgebern hatte er sich damals als einer der „Hunnen“ zu erkennen gegeben, wie die Belagerer immer noch genannt wurden. Ins Gästebuch des Friedhofs mit den Massengräbern schrieb er 1987: „Den Toten Erinnerung – Frieden den Lebenden“. Sein Redenschreiber Ludger Kühnhardt hat berichtet, dass er wochenlang an dieser Formulierung gearbeitet hatte, um erst im letzten Augenblick ihre endgültige Form zu finden. Nach dem Friedhofsbesuch sagte er in einer Rede vor dem Stadtsowjet von Leningrad: „Ich selbst bin im Krieg als junger Soldat nicht weit von hier gewesen; uns haben die Leiden des Krieges, die wir miterlebt haben oder ahnen mussten, damals tief geprägt.“

Der junge Mann, der den Bundespräsidenten in der Fernsehdiskussion nach den neofaschistischen Tendenzen fragte, hatte ihn biographisch in die Pflicht genommen: „Was können Sie, der den Krieg mitgemacht hat, dazu sagen?“ In der Tischrede beim Staatsbankett im Kreml, die von der Parteipresse zunächst nur zensiert abgedruckt wurde, sagte Weizsäcker: „Nur wer die Vergangenheit verleugnet, ist in der schrecklichen Gefahr, sie zu wiederholen.“ Erinnerungspflicht bricht den Wiederholungszwang: In dieser Form sind die Mahnungen aus der legendären Rede zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes und vielen anderen Reden Weizsäckers in die deutsche Geschichtskultur eingegangen, und sie haben sicher viel zur flächendeckenden Aufarbeitung der Familiengeschichten ganz normaler Deutscher beigetragen.

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