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Publizistin Carolin Emcke : Wie entsteht die Verachtung ganzer Klassen von Menschen?

Die Journalistin und Publizistin erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016. Bild: dpa

In ihrem neuen Buch zeigt Publizistin Carolin Emcke unsere Grenzen auf: Wie weit wir es in der Toleranz gebracht haben, überschätzen wir fast zwangsläufig.

          Wie ist es zu erklären, dass mit der sogenannten Flüchtlingskrise in die deutsche Politik zurückgekehrt ist, was man nur aus den Geschichtsbüchern kannte, etwa aus der ideologischen Rechtfertigung bürgerlicher Privilegien wie des Zensuswahlrechts: die offen bekundete Verachtung ganzer Klassen von Menschen? Die plötzliche Attraktivität rechter Wunschbilder vom ethnisch definierten Volksganzen möchten manche Kommentatoren ohne Sympathie für diese Parolen auch damit erklären, dass man es auf der Linken mit dem Lob der Differenz übertrieben habe. Es gehe im öffentlichen Leben nur noch um den Schutz von Minderheiten; die von dieser Aufmerksamkeit nicht Begünstigten habe man geradezu ermutigt, sich zusammenzuschließen und ihrerseits Anerkennung zu fordern, im Namen der Mehrheit. Die Gegenthese zu dieser als liberale Selbstkritik vorgetragenen Ansicht enthält das neue Buch von Carolin Emcke.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Versteht man die diesjährige Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels richtig, so müssen Liberale sich eher vorwerfen, dass sie mitgelacht haben, als es Mode wurde, den programmatischen Eifer einer auf Herstellung tatsächlicher Gleichberechtigung verpflichteten Politik mit Spott zu bedenken. „Es gab in den letzten Jahren ein zunehmend artikuliertes Unbehagen, ob es nicht doch langsam etwas zu viel sei mit der Toleranz, ob diejenigen, die anders glauben, anders aussehen oder anders lieben, nicht langsam auch mal zufrieden sein könnten.“

          Der übersehene Mut

          Eine der Internetseiten, deren Stammleser die Verachtung auf die Klasse der Politiker eingeübt haben, die sich an die religions- und asylpolitischen Entscheidungen des Grundgesetzes gebunden sehen, heißt „Politically Incorrect“. Mit dem Begriff der politischen Korrektheit wurden deutsche Leser vor einem Vierteljahrhundert durch launige Korrespondentenberichte aus den Vereinigten Staaten vertraut.

          Aus einem Schlagwort für moralische Spracherziehungsmaßnahmen amerikanischer Hochschulen wurde der Name für eine angebliche Zeittendenz. Die Sonderwelt der akademischen Klostergemeinschaft reizt zur satirischen Betrachtung; die Berichterstattung über „korrekte“ Wörterlisten betonte von vornherein das Kuriose der Sache und vernachlässigte die Frage, ob nicht das Ziel, die Förderung des zivilen Umgangs in gegenseitigem Respekt, pädagogisch vernünftig war. Heute sorgt es für Amüsement, wenn aus Amerika gemeldet wird, dass in Universitäten „sichere Räume“ für Studenten eingerichtet werden, die etwa in kanonischen Texten der Literatur einer latenten Gewalt gegen Menschen wie sie zu begegnen fürchten.

          Überschätzte Toleranz

          Solche Experimente für evidentermaßen absurd zu halten ist in den Augen von Carolin Emcke verfehlt, weil niemand darüber verfügen kann, ob ein anderer sich verletzt fühlt oder nicht. Die Unsicherheit, die ein solcher Student empfindet, kann man ihm im Gespräch zu nehmen versuchen. Absprechen kann man sie ihm nicht. Es ist die große Stärke des Buchs, dass es die gegenwärtigen Fremdenhassausbrüche zu erklären versucht, dass es die politischen Sprachhandlungen der auf Bürgerkrieg eingestimmten Rotten an die Erfahrungen alltäglicher Kommunikation zurückbindet, an die Normalität der Verunsicherung. Unachtsamkeit bereitet der Verachtung den Boden, und wer meint, dass Kultur etwas mit Selbstbeherrschung und gewollten Hemmungen zu tun hat, wird es vielleicht nicht lustig finden, dass Achtsamkeit zum Juxwort geworden ist.

          Wenn Muslime dieselben Rechte einklagen, wie Christen sie genießen, behaupten Mitbürger, die sich für besonders aufgeklärt halten, sie forderten Sonderrechte. Auch wenn Homosexuellen bedeutet wird, sie sollten mit der Lebenspartnerschaft zufrieden sein und brauchten die Ehe nicht, paart sich der „eigentümliche Vorwurf der mangelnden Demut“ mit „Eigenlob für die bereits erbrachte Toleranz“. Wie weit wir es in der Toleranz gebracht haben, überschätzen wir fast zwangsläufig: Wer kein Kopftuch trägt und nicht mit einem Partner gleichen Geschlechts Händchen hält, übersieht, welcher Mut dazugehört, sich so auf der Straße zu zeigen und erst recht vor Gericht.

          Unter Berufung auf ihre Erfahrung als homosexuelle Frau bestreitet Carolin Emcke den Satz, dass die Stabilität eines Gemeinwesens die Homogenität der Bevölkerung zur Voraussetzung hat: das Axiom, das die AfD mit Ernst-Wolfgang Böckenförde teilt, dem Kirchenvater der liberalen Verfassungslehre. „Ich fühle mich weniger verletzbar, wenn ich spüre, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, verschiedene Lebensentwürfe, verschiedene religiöse und politische Überzeugungen zulässt und aushält.“ Eine Begründung der Demokratie aus der Verletzbarkeit jedes Einzelnen: Das ist Carolin Emckes Antwort auf den wiedererwachten Willen zur Verletzung.

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