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Sigmunds Erben

Psychotherapie, das hieß früher einmal: Auf der Couch liegen, reden, ein Profi hört zu. Heute gibt es ganz unterschiedliche und neue Therapieformen. Wir stellen fünf Menschen vor, die besonders innovativ heilen wollen.

30. Juni 2022
TEXTE UND PROTOKOLLE: Thomas Lindemann
FOTOS: Marzena Skubatz

Die Zahlen sind beeindruckend: Knapp 18 Millionen Erwachsene, also fast 30 Prozent, sind in Deutschland jährlich von psychischen Erkrankungen betroffen, vermeldet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Angsterkrankungen und Depressionen kommen am häufigsten vor. Tendenz steigend. Die Lockdown-Maßnahmen der vergangenen Jahre dürften die Probleme verschärft haben. Die Deutsche Depressionshilfe hat festgestellt: Bei 44 Prozent der ohnehin schon Depressiven hat sich die Lage durch die Isolation verschlechtert. Der jährliche Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse verzeichnet einen Anstieg der Krankmeldungen wegen psychischer Störungen.  

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Und wer ein psychisches Problem hat, geht eben zur Therapie? Ganz so einfach ist es nicht. Zuerst kommt die Entscheidung, welche überhaupt die richtige sein könnte. Die Auswahl ist mittlerweile riesig. Eine Wikipedia- Liste der wichtigsten Behandlungsarten umfasst 162 Einträge – manche sind nur für ganz bestimmte Fälle geeignet, andere widersprechen einander, haben gegensätzliche Ideen davon, wie man die Seele am besten heilt. Das kann für Betroffene verwirrend sein. Kaum ein Laie versteht, was genau Kognitive Verhaltenstherapie, Akzeptanz- und Bindungstherapie, Transaktionsanalyse oder Musiktherapie genau bieten. In Deutschland sind nur drei Verfahren von den Krankenkassen anerkannt, in Österreich dagegen 23. Und das Angebot wächst weiter. Weil sich die Zeiten und die Probleme wandeln und die Forschung weitergeht, entstehen auch neue Formen der Therapie. Und das Interesse breiter Bevölkerungsschichten an einer Behandlung, auch für Alltagsprobleme, ist groß.

So wurde etwa das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ der Trierer Psychologin Stefanie Stahl ein Millionen-Bestseller. Sie ist eine von fünf Fachleuten, deren innovative Therapieformen wir hier vorstellen. Dazu gehören Behandlungen speziell für Liebeskummer oder für Paare, die ihr Sexleben nicht mehr als erfüllend empfinden. Und es gibt ganz neue Techniken, etwa eine (ganz legale) Therapie mit psychoaktiven Substanzen oder eine, bei der Hirnströme gemessen werden. Schon diese fünf Methoden sind völlig verschieden. Die richtige zu finden bleibt eine Herausforderung. Aber: „Der psychotherapeutische Prozess“, sagte der berühmte Therapeut Stanislav Grof einmal, „ist ein Abenteuer der Selbsterforschung und Selbstentdeckung.“  


Stefanie Stahl  

„Jeder von uns hat ein inneres Kind. Es ist ein Echo alter Prägungen. Wer seines gut kennt, lebt besser.“

In unserer Gesellschaft denken viele Menschen insgeheim schlecht über sich selbst. Sie tragen negative Ideen über sich mit sich herum – manchmal ihr ganzes Leben lang. Das muss gar nicht bewusst sein. Es ist aber trotzdem da und beeinflusst die Art, wie Menschen sich verhalten. Um das zu verändern, kann man seinem sogenannten inneren Kind nachspüren. Dabei helfe ich in meiner Therapie und mit meinen Büchern.

Die Probleme, mit denen Leute zu mir kommen, sind ganz handfest: Wer sich selbst nicht gut genug findet, tendiert oft dazu, andere als überlegen wahrzunehmen. Er oder sie versucht dann, den schwachen Selbstwert durch Anerkennung von außen zu kompensieren. Manchmal durch Perfektionismus, manchmal dadurch, es immer allen recht zu machen. Oder aber durch das Gegenteil, etwa mit der Haltung: Mir ist alles scheißegal. Aber die Personen wissen gar nicht mehr, dass eine tiefe Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit der eigentliche Grund für all das ist. Sie leiden – und ihre Mitmenschen auch.

Stefanie Stahl, 58, lebt in Trier und ist wohl die bekannteste Psychotherapeutin Deutschlands. Ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ steht seit fünf Jahren auf Platz eins der Paperback-Bestsellerliste.
Stefanie Stahl, 58, lebt in Trier und ist wohl die bekannteste Psychotherapeutin Deutschlands. Ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ steht seit fünf Jahren auf Platz eins der Paperback-Bestsellerliste.

Die Ursache liegt in der Vergangenheit. Wenn Eltern es nicht schaffen, ihrem Kind genug Empathie und Zuwendung zu geben, entwickelt es eine Antwort darauf. Es versucht vielleicht, immer der Sonnenschein zu sein, pflegeleicht zu sein, niemals Ärger auf sich zu ziehen. Es möchte damit vermeiden, verletzt zu werden. Im späteren Leben werden diese Menschen Perfektionisten, die hart arbeiten, so wollen sie vermeiden, auf Ablehnung zu stoßen. Wir nennen das ein unbewusstes Programm, die Menschen, die so agieren, nennen wir überangepasst.

Um solche kaum bewussten Probleme aufzubrechen, habe ich meine Art der Arbeit mit dem inneren Kind erfunden. Denn wir müssen unsere Kindheit ansehen und die inneren Glaubenssätze erforschen, die unserer Entfaltung im Wege stehen. In meiner Therapie und auch der Arbeit mit meinen Büchern sind Klienten aufgefordert, sich in ihr inneres Kind einzufühlen, ein Abbild oder Echo des Kindes, das sie einmal waren. Was braucht es? Wovor hat es Angst? Das prägt Menschen, egal ob Müllmann oder Manager.

Ich habe in Trier Psychologie studiert, bin dann Gesprächspsychotherapeutin geworden. Theorien von einem inneren Kind gab es schon früher, ich war aber nicht zufrieden damit. Deswegen habe ich sie ausgebaut und verändert, in meiner Sicht gibt es ein Schattenkind und ein Sonnenkind in jeder und jedem von uns. Ersteres steht für die negativen Prägungen unserer Kindheit, Letzteres für die positiven und gesunden. Aus denen speist sich nämlich unsere Kraft als Erwachsene. Wir sind keine Sklaven unserer Gehirnprägungen. Viele Leute arbeiten mit meinen Büchern und helfen sich damit selbst. Ein guter, sinnvoll aufgebauter Ratgeber ist immer noch besser als ein schlechter Therapeut. Man kann sich Zeichnungen machen, sein inneres Kind malen, beschriften, dessen Glaubenssätze notieren, sich an Situationen und Erfahrungen erinnern. So macht man sich das bewusst, was einen im Leben hemmt. In der Therapie fällt es den Klienten oft wie Schuppen von den Augen, der Moment macht mich auch glücklich, da verstehen Leute oft nach Jahren etwas über sich selbst. Und danach kann man sich ändern.


 Ann-Marlene Henning

„Sehr viele Paare haben Probleme beim Sex. Darüber rede ich mit ihnen. Oft geht es dahinter um etwas ganz anderes.“

Die meisten Leute kennen ihre eigene Sexualität nicht gut genug. Sie wissen nicht, was sie wirklich wollen, und schämen sich zu sehr, um sich ihrer Probleme anzunehmen. Wenn irgendetwas nicht stimmt, halten sie sich selbst für falsch, schweigen darüber und gehen auch nicht zum Arzt. Ein Beispiel: Jede zweite Frau hat Schmerzen beim Sex, das wissen wir aus Studien, aber fast keine gibt es zu. Beim Sex machen sie weiterhin einfach mit.

Für meine Klienten und Klientinnen bewegt mich eine Frage besonders: Wer sind sie als sexuelle Wesen? Besonders Frauen wissen das über sich selbst oft gar nicht. Sie haben gelernt, sich in diesem Bereich nicht wahrzunehmen. Wir haben Jahrhunderte der Unterdrückung von Sexualität hinter uns. Dazu haben wir jetzt allgegenwärtigen Porno, da entstehen schon wieder total falsche Vorstellungen. Junge Männer schauen heute vier bis sechs Jahre Pornos, bevor sie zum ersten Mal selbst Sex haben. Sie lernen dabei, dass sie kleine Würstchen sind, wenn sie keinen großen Penis haben, nicht immer wollen und lange können.

Im echten Leben ist alles ganz anders. Es gibt auch Paare, die in ihrer Rollenverteilung nicht so sind, wie viele es erwarten würden: Er will reden und streicheln und kann keinen Sex haben, wenn sie Streit hatten. Und sie fragt: Können wir auch einfach mal vögeln und weniger reden?

Ann-Marlene Henning, 57, ist Sexualtherapeutin, hat zahlreiche Bücher („Liebespraxis“, „Sex verändert alles“) geschrieben und tritt als Expertin oft im Fernsehen auf. Ihre Praxis ist in Hamburg.
Ann-Marlene Henning, 57, ist Sexualtherapeutin, hat zahlreiche Bücher („Liebespraxis“, „Sex verändert alles“) geschrieben und tritt als Expertin oft im Fernsehen auf. Ihre Praxis ist in Hamburg.

Auch wir Sexualtherapeuten reden nur mit den Leuten. Niemand muss sich in den Sitzungen ausziehen, ich fasse auch niemanden an. Manchmal erkläre ich den Paaren Übungen zur Entspannung, zum Beispiel für den Beckenboden, der ist wichtig. Bei Männern sind diese Muskeln fast wichtiger als bei der Frau. Die Leute kommen aber leider oft erst zu mir, wenn es im Bett gar nicht mehr klappt. Wir fangen dann mit ganz simpler Aufklärung an. Vor allem: Manchmal geht es gar nicht wirklich um den Sex. Sondern um Erwartungen in der Partnerschaft, um den Umgang miteinander, die Zeit, die man sich gibt. Wir reden dann über die Wünsche und Vorstellungen von einer Beziehung. Darum geht es sehr oft.

Hierbei wird deutlich: Die Leute fühlen sich oft mit ihren Wünschen falsch, und sie schämen sich. Womit wir wieder bei der sexuellen Identität wären! Ein Beispiel? Frauen, die nicht zum Orgasmus kommen können, denken häufig, dass sie eine große Ausnahme sind und nur sie das Problem haben. Wenn die dann erfahren, dass es vielen anderen auch so geht, nämlich je nach Studie 20 bis 30 Prozent, sind sie schon einmal erleichtert. Andere 70 bis 80 Prozent können einen Höhepunkt haben, nur eben nicht beim klassischen Sex mit einem Mann. Der Heterosex, mit dem schnellen Stoßen, ist für eine Frau nämlich denkbar ungünstig. Die Vagina spürt eben kaum schnelle Reibung, sondern dagegen eher sanften Druck. Es gibt so einige einfache Wahrheiten über den Penis und die Vagina, die sind gar nicht bekannt.

Es müsste so viel mehr Aufklärung stattfinden – für alle! Das Netz wäre dafür eine gute Möglichkeit, aber, wenn ich brav angezogen und ganz ernsthaft vor der Kamera sitze und erkläre, was eine Vulva ist und wie sie funktioniert, wird mein Kanal gesperrt. Generell ist die Sexualerziehung wieder an einem Tiefpunkt angelangt. Dabei wäre sie jetzt so dringend nötig.  


  Iven Pechmann

„Es ist faszinierend, wie Patienten durch modernes Hirntraining tiefgreifende Veränderungen erleben können.“

Meine Therapie sieht aus, als schauten die Patientinnen und Patienten fern. Sie blicken auf einen Bildschirm. Aber im Kopf passiert dabei unglaublich viel. Lassen Sie mich das erklären: Die Nervenzellen im Gehirn arbeiten in Rhythmen. Bestimmte Frequenzen, die dabei entstehen, sind typisch für bestimmte Bewusstseinszustände. Von Schlaf bis zu hellwacher Konzentration, Tagträumerei bis zu höchster Alarmbereitschaft. Im Laufe des Lebens entwickelt jedes Gehirn eigene Gewohnheiten. Diese hängen von persönlichen Erfahrungen ab, und dabei können auch ungünstige Muster entstehen. Wer keine sichere Bindung bei den Eltern findet, ist dann eventuell schnell tief verstört in Krisensituationen. Auch wenn das gar nicht sein müsste.

Das Gehirn bekommt kaum Rückmeldung über seine eigene Tätigkeit. Mit EEG-Biofeedback kann man ihm diese anbieten, das nennen wir Neurofeedback. Dazu benutze ich ein Messgerät und EEG-Sensoren, die am Kopf angebracht werden. Auf einem Bildschirm wird dem Klienten – oder genauer gesagt seinem Gehirn – visualisiert, wie es arbeitet.

Der Patient sitzt bequem in einem Relaxsessel und schaut einfach Film oder Animation auf dem Monitor zu. Er muss nichts aktiv tun, sondern loslassen und seinem Gehirn die Arbeit überlassen. Dieses liebt es, neue Informationen auszuwerten und Muster zu erkennen. Damit verändert es sich und verbessert seine Steuerungsfähigkeit. Man muss sich nicht sonderlich konzentrieren oder dabei besonders motiviert sein wie etwa für eine Meditation. Der Lerneffekt kommt von selbst.

Diplom-Psychologe Iven Pechmann aus Berlin will Reaktionsmuster durchbrechen, an die sich das Gehirn gewöhnt hat. Er arbeitet mit der Methode des ILF-Neurofeedbacks – es funktioniert etwa bei ADHS, aber auch Spitzensportler kommen zu ihm.
Diplom-Psychologe Iven Pechmann aus Berlin will Reaktionsmuster durchbrechen, an die sich das Gehirn gewöhnt hat. Er arbeitet mit der Methode des ILF-Neurofeedbacks – es funktioniert etwa bei ADHS, aber auch Spitzensportler kommen zu ihm.

Beim ILF-Neurofeedback gibt es keine Sollwerte, sondern wir visualisieren dem Gehirn einen spezifischen Teil seiner Tätigkeit. Deswegen sieht eine Therapiesitzung vielleicht von außen aus, als schaue jemand einen Film an. Aber er erhält in Echtzeit Rückmeldung zur Hirnfunktion, indem Software die Messsignale vom Gehirn umrechnet in Änderungen an Bildgröße, Farbintensität und Lautstärke des Films.

Natürlich haben wir vorher genau abgesteckt, welche Symptome vorhanden sind, und danach das persönliche Trainingsprotokoll erarbeitet. Dazu dienen Anamnesegespräch und ausführlicher Fragebogen. Es geht darin etwa um Migräne, Stimmungsschwankungen, epileptische Anfälle, Probleme mit der Konzentration, Schlafstörungen und so weiter. Die Methode ist eine Individualtherapie, und ich entscheide anhand der Symptome vor jeder Stunde, wie weitergearbeitet wird. Entwickelt hat diese Technik mit Nutzung der besonders tiefen ILF-Frequenzen das kalifornische Forscherpaar Susan und Siegfried Othmer. Mittlerweile ist diese Methode auch in Deutschland angekommen.

Neben Patienten mit Stresskrankheiten kommen auch völlig gesunde Klienten zu mir. Manager, Musiker, Spitzensportler oder stressgeplagte Studenten suchen Unterstützung, um sich besser konzentrieren zu können oder abzuschalten. Auch psychische Traumata sind ein Anwendungsfeld. Da ist jemand als Kind vielleicht sechs Wochen im Krankenhaus gewesen, das Sicherheitserleben wurde dadurch seit damals fundamental gestört. Das steckt manchmal noch Jahrzehnte später in den Menschen. Das Nervensystem ist dauerhaft alarmiert, kommt kaum zur Ruhe. Mit dem ILF-Neurofeedback zeigen wir dem Gehirn: Du darfst dich beruhigen, die Gefahr ist vorbei.

Manch ein Patient fühlt sich nach dieser Therapie dann abends zum ersten Mal seit Jahren wirklich ruhig und entlastet. Das erfüllt mich mit Freude und Demut, denn es geht ja um Dinge, die hat das Gehirn vielleicht 30 Jahre lang gelernt. Und dann können wir doch oftmals etwas daran verändern.  


 Elena-Katharina Sohn

„Viele Menschen suchen ihr Lebensglück allein in der Partnerschaft. Das ist gefährlich.“

Als ich vor zehn Jahren meine Agentur Die Liebeskümmerer gründete, war das auch eine Antwort auf ein eigenes Erlebnis: Ich hatte vorher selbst mit großem Herzschmerz zu kämpfen, und da fiel mir auf, dass es gar keine Beratung speziell dafür gibt. Also habe ich das erfunden. Mein Team und ich sind heute für Frauen und Männer da, die Kummer mit der Liebe haben. Die Gründe sind sehr unterschiedlich, von der klassischen Trennung bis hin zum jahrelang unfreiwilligen Singlesein. Aber eine Sache machen viele Betroffene gleich: Sie versuchen, extrem viel Lebensglück aus ihrer Partnerschaft zu ziehen. Wenn dann die Beziehung nicht läuft, führt das zu fürchterlichen Gefühlen.

Ich habe dann meine Glücksherz-Methode entwickelt, die auf den Erfahrungen aus der Praxis aufbaut. Ich sage immer: Ich kann damit nicht nur bei Liebeskummer helfen, sondern auch gegen zukünftigen immunisieren. Ich helfe den Menschen, sich etwas unabhängiger zu machen von einer Partnerschaft. Es gibt noch andere Quellen von Lebensglück: Beruf, Freunde, Familie, Hobby, Leidenschaften. Manche finden, ich sei unromantisch. Ich finde aber, das Gegenteil ist wahr. Denn erst wenn ich meinen Partner nicht mehr so überfrachte, dass er als mein Garant für meine Freude herhalten muss, kann eine lebendige Beziehung gelingen.

Elena-Katharina Sohn, 42, hat Deutschlands erste reine Liebeskummer-Beratung gegründet. Sie bietet in Berlin ein Coaching gegen Herzschmerz an.
Elena-Katharina Sohn, 42, hat Deutschlands erste reine Liebeskummer-Beratung gegründet. Sie bietet in Berlin ein Coaching gegen Herzschmerz an.

Wer auf eigenen Beinen steht, wird natürlich trotzdem Liebeskummer haben, wenn eine Beziehung in die Brüche geht. Aber es wird ihn oder sie nicht mehr aus der Bahn werfen. Mein Versprechen ist: Wenn du dich mit dir auseinandersetzt und dafür sorgst, dass du mit dir selbst zufrieden bist, dann wirst du diesen tiefen Schmerz nicht noch einmal erleben.

Die Kultur hilft uns nicht gerade. Die Mär von der einen großen erfüllenden Liebe, die das Wichtigste im Leben sei, hält sich leider hartnäckig. Liebe auf den ersten Blick, die dann auch hält, gibt es oft im Film, aber selten in der Realität. Da hilft eine nüchterne Analyse der Situation. Ich schreibe den Leuten nichts vor, sondern ich hinterfrage nur: Sehnst du dich wirklich so sehr nach dieser einen Person? Oder steht sie für etwas, was deinem Leben fehlt? War es wirklich die oder der Richtige? Oder hat man in der anderen Person doch mehr gesehen, als da wirklich war?

Die meisten Klienten haben vier bis sechs Gespräche. In der ersten Sitzung klären wir die Lage ab. Manchmal kann es vorkommen, dass dem Liebeskummer eine sehr tiefe psychische Problematik zugrunde liegt – dann empfehlen wir eine ambulante Psychotherapie oder sogar den Weg in die Klinik. Die anderen machen mit uns einen Plan, wo sie hinwollen. Oft dreht sich am Anfang alles vor allem um die Ex-Partnerin oder den Ex-Partner, und dann wandelt sich das plötzlich, die Menschen denken bald viel mehr über sich selbst nach. Sie lernen etwas aus der Krise. Dann sind wir auf dem guten Weg.

An meinen eigenen großen Liebeskummer von damals denke ich auch noch manchmal, ich weiß noch genau, wie verzweifelt ich war – deswegen kann ich mich auch in die Klienten hineinfühlen. Es geht nicht darum, den Menschen zu sagen: Ist doch alles nicht so schlimm, vergiss es. Sondern im Gegenteil: Es ist schlimm, aber es ist auch eine gute Gelegenheit, viel daraus zu lernen und als Person zu wachsen.  


Malte Klar

„Der Wirkstoff von Magic Mushrooms kann Depressive viel freier neu beginnen lassen.“

Seit etwa zehn Jahren erforschen diverse Universitäten der Welt wieder verstärkt, ob psychedelische Substanzen in der Psychotherapie nützlich sein können. Lange war das verboten: Mittel wie LSD, Psilocybin oder MDMA galten als Drogen, nicht als Medikamente. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Vor 1970 wurden viele von ihnen in der psychiatrischen Forschung untersucht, teils mit vielversprechenden Ergebnissen. Das wird nun wieder erforscht. Wenn man diese Substanzen kontrolliert und sicher einsetzt, könnten sie ein Heilmittel sein.

Wir führen in Berlin die ersten Studien mit Psilocybin durch, dem Wirkstoff von sogenannten Magic Mushrooms. Er wird eingesetzt bei schweren Depressionen, wenn andere Methoden versagt haben.

Der Psychologe Malte Klar, 41, erforscht an der Berliner Charité eine neue Psychotherapie mit Psilocybin.
Der Psychologe Malte Klar, 41, erforscht an der Berliner Charité eine neue Psychotherapie mit Psilocybin.

Die Patientinnen und Patienten nehmen die Substanz hier bei uns in sicherer Umgebung ein. Sie liegen auf einer bequemen Liege, bekommen einen Kopfhörer mit Musik, eine Augenbinde und tauchen tief in ihre Erfahrung ein – die Substanz verändert für ein paar Stunden das Denken und die Wahrnehmung. Die Forschung hat festgestellt, dass diese Veränderung, so kurz sie ist, schon gegen Depression helfen kann. Das liegt daran, dass im Gehirn das sogenannte Default Mode Network sozusagen zurückgesetzt wird und dass ganz neue Verbindungen zwischen Hirnarealen entstehen – der Mensch kann festgefahrene Denkmuster loslassen und sich und die Welt noch einmal ganz anders erleben. Depressive stecken oft in negativen Überzeugungen fest – mir gelingt nichts, niemand mag mich, ich kann nichts bewirken. Nun bekommen sie sozusagen einen Reset im Gehirn und können viel freier neu beginnen. Die Menschen werden therapeutisch von uns begleitet, sind also nie allein und können hinterher reden.

Als das vor elf Jahren am Londoner Imperial College erstmals seit der Prohibition zaghaft erforscht wurde, war das eine Revolution, denn die üblichen Medikamente gegen Depression wirken nicht besonders gut. Das ist ein Problem bei einer Störung, die als Volkskrankheit bezeichnet wird – jedes Jahr erleben über acht Prozent der Erwachsenen einen depressiven Schub. Die Lockdowns der vergangenen Jahre haben das Problem noch verschärft. Deswegen finde ich die Forschung an dieser neuen Therapie besonders wichtig. Wir prüfen in unseren Studien, ob sie wirklich helfen. In einigen Ländern, etwa den Niederlanden oder einzelnen Staaten der USA, ist das schon jetzt in kontrolliertem Rahmen legal möglich. Die Patientinnen und Patienten therapieren sich in gewisser Weise selbst – während der Erfahrung bin ich Begleiter, ich signalisiere meist einfach nur, dass ich da bin. Ich greife kaum steuernd ein, bin aber präsent, wenn die Person Unterstützung braucht. Viele Menschen weinen, lachen, erleben eine innere Öffnung, fühlen sich vielleicht zum ersten Mal seit Jahren depressionsfrei und können dadurch ganz anders auf bestimmte Themen ihres Lebens schauen. Unsere ersten Forschungsergebnisse stimmen mich optimistisch, dies könnte eine Therapie werden, die vielleicht nur zweimal im Abstand von einigen Monaten durchgeführt wird und damit vielen Menschen hilft, die heute nicht recht weiterkommen.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 30.06.2022 11:29 Uhr