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Psychiater Frank Urbaniok : „Wir werden nicht als Täter geboren, aber auch nicht als weißes Blatt“

Ein Milieu, das Pathologien befördert? Leonardo di Caprio als Börsenmakler in dem Film „The Wolf of Wall Street“ Bild: Paramount Pictures

Es vergeht keine Woche, in der Frank Urbaniok keine Morddrohung erhält. Im Interview spricht der Psychiater über Wutbürger, das kriminelle Potential von Schlachthäusern und die Gemeinsamkeiten von Psychopathen und Investmentbankern.

          Herr Urbaniok, im Zug nach Zürich saß neben mir ein Mann, der ein Buch las und über jede Seite, die er umblätterte, dreimal mit der Hand strich. Ist dieser Tick besorgniserregend?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nein, absolut nicht. Die meisten Menschen haben irgendeinen Tick, der ihnen vielleicht Halt gibt, Sicherheit.

          Wann kippt ein Tick ins Pathologische?

          Bei der Grenzziehung zwischen Normalität und Pathologie folge ich einem statistischen Konzept. Es gibt bestimmte Eigenschaften, bei denen sich 99 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Ranges, in einer Art Korridor bewegen. Ein Beispiel ist der Ordnungssinn. Nehmen Sie die superordentlichen Menschen - manche messen sogar mit einem Lineal die Handtücher im Wäscheschrank aus, damit die Kanten exakt übereinanderliegen.

          Das klingt aber sehr nach Pathologie!

          Nein, das reicht mir noch nicht für eine Pathologie. Es ist eine sehr deutliche Ausprägung einer Eigenschaft. Ein Kriterium, das für krankhaftes Verhalten spricht, ist, ob man selbst oder ob andere darunter leiden. Der Zwangskranke bemerkt, dass sein Leben stark eingeengt ist.

          Sie meinen, wenn jemand, kaum hat er das Haus verlassen, zurückkehren muss, um zu prüfen, ob der Herd aus ist. Nicht einmal, sondern, sagen wir, fünfzehnmal.

          Ja, und damit ist diese Person im Leben sehr eingeschränkt.

          Wie entstehen Zwangserkrankungen?

          Das weiß man nicht genau. Es sind stets auch Dispositionen, gewisse Veranlagungen für Zwangsstörungen im Spiel. Die meisten Menschen zeigen zwanghaftes Verhalten bereits in frühen Jahren, wobei es auch Phasen gibt, in denen sich eine Akzentuierung herausbildet.

          Frank Urbaniok: „Ein Kriterium, das für krankhaftes Verhalten spricht, ist, ob man selbst oder ob andere darunter leiden.“

          Welche Behandlungsmöglichkeiten existieren?

          Medikamentöse etwa. Bestimmte Antidepressiva wirken sich günstig auf Zwangserkrankungen aus. Tendenziell lassen sich Automatismen auch wieder abgewöhnen.

          Es gibt eine gesellschaftliche Tendenz zur Psychologisierung - Stichwort Psychopath. Ein Label, mit dem gerne Unternehmenslenker großer Firmen oder Investmentbanker etikettiert werden.

          Ja, und das ist gefährlich, weil es sehr wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.

          Unlängst habe ich eine Studie gelesen, die das Verhalten von Psychopathen und Investmentbankern vergleicht ...

          ... Sie sprechen von dem „Gefangenendilemma-Spiel“, an dem im Rahmen einer Studie Psychopathen, Investmentbanker und „normale“ Menschen teilgenommen haben. Die Studie hat tatsächlich gezeigt, dass sich das Verhalten von Psychopathen und Investmentbankern, was Egoismus und Skrupellosigkeit betrifft, im Grunde nicht unterscheidet. Das heißt aber nicht, dass Investmentbanker Psychopathen sind, sondern nur, dass sie sich in einem Umfeld bewegen, das bestimmte Verhaltensweisen fördert oder sogar erzeugt. Man spricht hier von Situationstätern. Und dann gibt es noch die Persönlichkeitstäter, diese Unterscheidung ist sehr wichtig.

          In welche Kategorie fallen Gewalt- und Sexualstraftäter, mit denen Sie zu tun haben?

          Die meisten sind Persönlichkeitstäter. Sie besitzen bestimmte Risikoeigenschaften, zum Beispiel ein starkes Dominanzstreben, chronifizierte Gewaltbereitschaft, Impulsivität, eine Vergewaltigungsdisposition. Es gibt 70, 75 verschiedene Eigenschaften, die sie haben können und die sie gefährlicher machen als andere Menschen. Bestimmte in einer Person verwurzelte Eigenschaften führen zu einer Bedürfnislage. Wenn jemand Kinder sexuell anziehend findet, dann entsteht die Motivation, dass diese Person Kontakt mit Kindern hat. Sie wird dorthin gehen, wo Kinder sind.

          Klingt, als würde man als Täter geboren.

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