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Kalkulierte Provokation : Als Helmut Schmidt von Mord und Totschlag sprach

Vorausschauend hat sie den Regenschirm eingepackt: die Provokateurin Erika Steinbach. Bild: Wonge Bergmann

Erika Steinbach wusste genau, was sie mit ihrem geschmacklosen Helmut-Schmidt-Zitat tat. Durch gezielte Provokation gelingt es ihr immer wieder, sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu katapultieren. Auf den Empörungsreflex kann sie vertrauen.

          3 Min.

          Erika Steinbach hält ein Stöckchen hin – und alle, alle springen. Sie setzt auf Twitter eine gezielte Provokation ab, und die Erregungsspirale dreht durch. Leider hat die Provokateurin auch diesmal richtig kalkuliert, leider konnte sie sich auch diesmal auf die Reflexe der deutschen Affektgemeinschaft verlassen. Dass Frau Steinbach die Politik als Kampfsport definiert (wie dies übrigens wortwörtlich auch der frühe Helmut Schmidt tat), ist seit ihrer Zeit als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen bekannt. Und auch heute, als Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Unions-Bundestagsfraktion, lässt sie sich – soll man sagen: naturgemäß? – keine Gelegenheit für eine rhetorische Kampfhandlung entgehen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          So eben auch jetzt, beim Tod Helmut Schmidts, als sie twitterte: „Altkanzler Helmut Schmidt ist tot. Wir haben in unserer Fraktionssitzung seiner in Respekt gedacht“, um in den Tweet sodann ein Zitat Schmidts aus dem Jahre 1981 hinzuzufügen: „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“

          Das Erstaunliche ist nicht dieses zweckentfremdete Zitat (Schmidt wendete es seinerzeit gegen die autochtonen Deutschen, von denen er befürchtete, sie würden die Ausländer zu Sündenböcken für alles und jedes machen). Das Erstaunliche ist der Automatismus eines „Auf sie (auf Steinbach) mit Gebrüll!“, durch den das Zitat erst Beachtung erhielt. Wenn das Ziel darin besteht, eine politische Auseinandersetzung mit Frau Steinbach zu führen, dann ist Gegenrede natürlich geboten und lässt einen produktiven Streit erwarten. Wenn das Ziel aber darin besteht, Frau Steinbach zum Schweigen zu bringen und das von ihr Gesagte um Himmels willen nicht aufzuwerten (wie es die Einlassungen gegen sie nahelegen), dann war der shit-storm gegen sie nicht eben hilfreich.

          Nichtbeachtung wäre, wie so oft, auch hier die Höchststrafe gewesen. Tatsächlich wurden nach ihrem Tweet jedoch die Register der größtmöglichen Abscheu gezogen. Ein Auszug: Man habe es mit einem „Missbrauch“ von Schmidts Tod zu tun; ja mit „Leichenfledderei“; „ungeheuerlich“; „pietätlos“; „schamlos“; begangen von einer „Konservativen ohne jeden Funken Anstand“; hier werde der Altkanzler für die „eigene abgeschmackte Sache“ benutzt; „geschmackloser“ gehe es nicht.

          Mutig und nicht stromlinienförmig

          Merken die Empörten (darunter etliche Politiker bis hin zur Familienministerin sowie sämtliche Medien, die die Agenturberichte des Vorfalls übernahmen) eigentlich nicht, dass sie sich zum Handlanger eines medialen Zwangssystems machen, in welchem jeder Pott nach einem Deckel verlangt? Merken sie nicht, dass sie mit ihren Reaktionen den Krawall erst anheizen, den sie vorgeben, verhindern zu wollen? Jeder zitiert momentan Schmidt rauf und runter (der Justizminister instrumentalisiert Helmut Schmidt auf Twitter für seine Sache mit dem braven Zitat: „Ohne Kenntnis unserer Geschichte bleibt die Gegenwart unbegreifbar“). Aber nur Frau Steinbach ist es gelungen, ihrer Zitation ein nationales Echo zu geben. Was spräche dagegen, einen (in keinster Weise gerichtsrelevanten) Tweet aus der B-Reihe des politischen Personals einfach ins Leere laufen zu lassen, zumal wenn dessen Autorin als Krawallistin gilt?

          Abgesehen davon, dass der Instrumentalisierungsvorwurf, einmal erhoben, kaum jemanden verschont, verfängt er bei Helmut Schmidt besonders schlecht. Schmidt-Schnauze war in seiner exponierten, nach allen Seiten austeilenden und um Zuspitzungen nie verlegenen Rhetorik eine Projektionsfigur für alle, die nach Deutung verlangten (man lasse sich in diesem Zusammenhang nur vom Schwulst Gabor Steingarts im morning briefing des „Handelsblatts“ ergreifen: „Die Welt ohne den Welterklärer Helmut Schmidt hat sich in einen zugigen Ort verwandelt. Wenn Leben Verstehen bedeutet, dann hat auch unser Licht zu flackern begonnen.“)

          Schmidt hatte die Größe, noch dem atemberaubenden Schmidt-Kult im Lande eine sarkastische Note abzugewinnen. Entsprechend lud der Altkanzler zu Instrumentalisierungen ein, wie er selbst munter instrumentalisierte. Niemand nahm ihm übel, wenn er zu menschenrechtlichen und multikulturellen Imperativen ein, gelinde gesagt, burschikoses Verhältnis einnahm (entsprechende Aufreger-Zitate ließen sich bei ihm zuhauf finden). Er ist einfach die falsche Bezugsperson, wenn man einen Kronzeugen für die volkspädagogische Purifizierung des öffentlichen Sprachraums braucht. Ist Instrumentalisierung, wiederum im Schmidtschen Sinne zugespitzt gefragt, nicht das Herz der politischen Rhetorik, jener Rede, die die Gegenrede nicht nur ermöglicht, sondern zwingend macht? Frau Steinbach beutet dieses Schema ein weiteres Mal kaltblütig aus, wenn sie ihren Tweed-Kritikern entgegenhält, Schmidt sei nun einmal mutig und nicht stromlinienförmig gewesen (ergänze: wie sie selbst auch mutig und nicht stromlinienförmig sei).

          Zu Recht geht sie davon aus, dass auch diese Unverschämtheit nun die ganz große Runde macht.

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