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Protestkultur in der Türkei : Schmeißen Sie kein Gas auf Kinder!

An diesem Dienstag Morgen in Istanbul: Wasserwerfer auf dem Taksim-Platz Bild: dpa

Auf der Straße zeigen die jungen Türken ihren verdutzten Eltern, dass es sich lohnt aufzubegehren. Eine Gesellschaft verändert sich grundlegend. Nur der Ministerpräsident begreift nichts.

          Der türkische Journalist Belgin Akatlan hat in der Zeitung „Hürriyet“ einen bewegenden Brief an seinen Sohn geschrieben. Er ist überschrieben mit „Ich danke Dir, mein lieber Capulcu-Sohn“. Als Capulcus hatte der türkische Ministerpräsident jene jungen Leute bezeichnet, die derzeit friedlich gegen ihn auf die Straße gehen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Capulcu“ heißt so viel wie Marodeur, Plünderer. Auch am Wochenende hatten sich wieder Hunderttausende auf dem Taksim-Platz versammelt. Es war die größte Ansammlung von Capulcus, die das Land seit Ausbruch der Proteste gesehen hat. An diesem Dienstag Morgen versuchen Hundertschaften der Polizei, den Platz zu räumen.

          In seinem Brief bedankt sich Belgin Akatlan bei seinem Sohn dafür, dass er auf die Straße geht: „Ich danke Dir für deinen Mut. Ich danke Dir für Deine Cleverness. Ich danke Dir und Deinen Freunden, dass ihr uns in innerhalb der vergangenen Tage so vieles gelehrt habt, dass wir kaum noch mitkommen dabei.“ Er habe gedacht, heißt es weiter in dem Brief des Vaters an den Sohn, dass er niemals aufhören würde, ihm Ratschläge zu geben. „Seit dem 1. Juni, mein lieber Sohn, ist das vorbei. Nun zeigst Du mir, was richtig ist und was falsch. Ich bin veraltet. Als Dein Vater bin ich auch veraltet. Jetzt lernen wir von euch.“

          Es ist in den vergangenen Tagen oft gesagt und geschrieben worden, Erdogan sei autoritärer geworden, deshalb sei die Situation eskaliert. Doch Erdogan war schon immer autoritär. Was sich jedoch gewandelt hat, ist die türkische Gesellschaft. Anders als ihre Väter und Großväter, die irgendwann resignierten, nehmen die jungen Leute es nicht mehr hin, dass man ihr Recht auf persönliche Freiheit beschränken will. Und so reibt sich nicht nur der türkische Ministerpräsident verwundert die Augen darüber, was derzeit in den Straßen seines Landes geschieht. Auch die Väter und Mütter sind überrascht über ihre Söhne und Töchter und deren Durchhaltewillen und Furchtlosigkeit.

          Erinnerungen an die siebziger Jahre

          Womit die Älteren aber noch viel weniger gerechnet haben, ist die Friedfertigkeit und Geschlossenheit, mit der ihre Töchter und Söhne Widerstand gegen die Regierung leisten. Um das kollektive Erstaunen zu begreifen, hilft es, sich noch einmal die jüngere türkische Geschichte zu vergegenwärtigen: Große Proteste, deren Ausmaße vergleichbar wären mit jenen, die jetzt das Land erschüttern, gab es in der Türkei zuletzt Ende der siebziger Jahre.

          Damals schlug das Militär den Aufruhr nieder und putschte sich an die Macht. Hunderttausende wurden verhaftet, Dutzende unter Folter ermordet, fünfzig Todesurteile vollstreckt. Tausende von Menschen fielen jedoch auch der bürgerkriegsähnlichen Gewalt zum Opfer, die in den Straßen zwischen linken und rechten Gruppierungen ausgebrochen war.

          Die Demonstration der Sittenlosen

          Die Eltern, deren Kinder jetzt auf dem Taksim-Platz und an anderen Orten der Türkei demonstrieren, haben das alles noch miterlebt. Es waren blutige Jahre, die sich eingebrannt haben in ihre kollektive Erinnerung. Möglichkeiten, sich neue Bilder zu schaffen, hatten sie nicht. Denn nach dem Militärputsch hielt die Regierung die Leute durch Gesetze von der Straße fern. Und so nistete sich in den Köpfen das Selbstverständnis ein, dass man sich besser ruhig verhält, wenn man sich und den sozialen Frieden nicht gefährden will.

          Die einzigen landesweiten Demonstrationen, zu denen man sich noch zusammenfand, waren jene am 1. Mai. Jahr für Jahr beendete die türkische Regierung diese jedoch mit Polizeigewalt. Die Zurückhaltenden bestätigten das darin, dass ihre Haltung die richtige sei. Und so wurde Demonstrieren nach und nach immer mehr angesehen als „ayip“, also als etwas, das sich für einen gut erzogenen Menschen genauso wenig gehört wie das Schmatzen bei Tisch oder das Grölen in betrunkenem Zustand.

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