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Volle Zellen: Teilnehmer der Proteste gegen die Verhaftung von Alexej Nawalnyj sitzen in der Ausländerhaftanstalt in Sacharowo bei Moskau ihre Strafe ab. Bild: Reuters

Russische Proteste : Achtung, die Kosmonauten kommen!

  • -Aktualisiert am

Verprügelt, inhaftiert und mit Elektroschockern traktiert; Hausbesuche von Revierpolizisten. Russlands Oppositionelle spüren derzeit die volle Macht des Staates, aber auch eine neue Solidarität der Zivilgesellschaft.

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          Vor ein paar Tagen war ich im Moskauer Stadtgericht, wo der Fall meiner „Teilnahme an einer verdeckten, nicht genehmigten Massenveranstaltung“ verhandelt wurde, weil ich im Mai vorigen Jahres eine Einzelmahnwache für den wegen einer ebensolchen Einzelmahnwache eingesperrten Journalisten Ilja Asar abgehalten hatte. Diese brillante Formel wird seit dem vergangenen Jahr auf die eigentlich erlaubten Einzelmahnwachen angewandt. Das Gericht war umstellt von einer großen Menschenmenge, von vielen Polizeiwachen waren Gefangenentransporte mit Arrestanten zu Berufungsverfahren herangekarrt worden, unter ihnen der Journalist Sergej Smirnow, der beim Spaziergang mit seinem kleinen Sohn festgenommen wurde und 25 Tage Haft absitzen sollte (später wurde sein Arrest auf zwei Wochen verkürzt). Smirnow hatte sich nicht an den Protesten beteiligt, er arbeitete zu Hause, sein Vergehen bestand darin, dass er Datum und Zeitpunkt der Protestversammlung über Twitter geteilt hatte. In seiner Zelle ist es dreißig Grad heiß, er klagt über Bluthochdruck, der zum Schlaganfall führen könnte, aber ein Arzt wird nicht zu ihm gelassen. Doch an jenem Tag wurde keiner unserer Fälle verhandelt. Eine Evakuierung wurde angeordnet und die Menschen hinter eine Absperrung gedrängt, bevor eine Kolonne von Gerichtslimousinen davonfuhr.

          An der Absperrung traf ich meine Anwältin Lisa Nesterowa, die nach einer Massenverhaftung den Telegram-Kanal „Übergabe“ (Peredatscha) organisiert hatte, damit jeder, der wollte, den Festgenommenen Essen und Trinken auf die Polizeiwachen bringen konnte. Der Telegram-Chat wuchs schnell, inzwischen gibt es auch in Petersburg einen. Hunderte Menschen sind daran beteiligt, die in den letzten Tagen stundenlang frierend vor den Polizeistationen stehen, um Lebensmittel für die dort Eingesperrten abzugeben. Nesterowa sagte, das System sei überfordert von der Menge der Verhafteten – es sind mehr als 12.000 im ganzen Land –, unter ihnen neben friedlichen Demonstranten auch zufälliger „Beifang“ wie Leute, die zur Arbeit gingen, vom Café oder dem Theater heimkehrten, aber auch Essenskuriere oder Taxifahrer. Die Richter verurteilten sie trotzdem.

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