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Proteste in Italien : Marsch der Mistgabeln auf Rom

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Wenn die Mistgabel weggelegt ist, greift der „Forcono“ schon mal auch zur Rauchbombe, bis Rom im Nebel liegt: Mitglied der neuen italienischen Protestbewegung Bild: AFP

Italien erlebt in der Vorweihnachtszeit die Ankunft der „Forconi“. Eine neue, radikale Protestbewegung der Enteigneten und Verarmten. Und ihr Schlachtruf lautet: Raus aus Europa!

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          Zum Einkaufen in die luxuriösen Modegassen von Mailand? Ein Familienausflug auf die Christkindlmärkte in Südtirol? Oder massenhaftes Shopping in den immer beliebteren Spacci, den Geschäftsdörfern voller verbilligter Markenware an der Autobahn? Den Italienern werden ihre adventlichen Konsumbräuche dieses Jahr von einer rabiaten Volksbewegung erschwert.

          „Forconi“ (Mistgabeln) nennen sich die aufgebrachten Kleinbürger, die seit dem 9. Dezember mit großem Erfolg und chaotischen Folgen Autobahnen blockieren, allerorten Widerstandscamps errichten und sich in Großstädten wie Rom, Turin und Vicenza heftige Schlägereien mit den Ordnungskräften liefern. Das politische Programm der selbsternannten Widerständler lässt sich auf zwei Kernpunkte reduzieren: Weg mit der Regierung! Und raus aus dem Euro und der EU!

          Wer sind diese Leute, die in Umfragen bei den Italienern auf Sympathiewerte von über vierzig Prozent kommen? Zuallererst wird mit der Mistgabelbewegung die Misere von Millionen deutlich, die angesichts von Arbeitslosigkeit, Steuern und Schulden gar nicht erst auf die Idee kämen, fröhlich zu konsumieren. Italien zählt heute Hunderttausende von Kleinfirmen, die unter der Last von Hypotheken und mangelnder Binnennachfrage pleitegingen und von Konkursverwaltern übernommen wurden.

          Autobahnblockade der Forconi am 10. Dezember in Turnin

          Es sind diese Bauern mit überteuerten Maschinen oder Gewächshäusern, diese Schreiner mit improvisierten Werkstätten, diese fahrenden Ramschhändler, die im Brachland von Neubauvierteln für Centbeträge ihre Klamotten feilbieten, die jetzt wütend selbstgemalte Transparente in die Fernsehkameras recken: „Italien zu verkaufen!“, „Scheiß-Europa“, „Wir fordern nationale Souveränität“. Ihr Land ist nicht das Italien der historischen Prachtplätze, sondern eine Welt der Vorstädte, Zuwanderung und Armut, die mehr an den Neorealismo der fünfziger Jahre als an einen prosperierenden Wohlfahrtsstaat denken lässt. Wenn der Industriellenverband jetzt gigantische Verluste im Export- und Weihnachtsgeschäft durch die Blockaden vorrechnet, ist das den „Forconi“ egal.

          Das Prekariat hat den Steuerstaat als Hassobjekt ausgemacht

          Italien wäre freilich nicht das Land der großen Oper, wenn nicht auch absurde Typen an die Mikrofone drängen würden. Da ist der gepfändete Gemüsepflanzer Danilo Calvani aus Latium, der in einem Jaguar vorfährt und von einem künftigen Militärregime schwafelt. Oder der piemontesische Bauer Andrea Zunino, der in einem Interview „die jüdischen Bankiers“ als Verursacher aller Malaise ausmachte. Doch solche schwarzen Schafe sollten nicht den Blick für die Verzweiflung weiter Schichten vernebeln, vor allem im Süden und vor allem unter Kleinselbständigen, Arbeitslosen und Jungen.

          Ähnlich wie in der Bretagne, in Rumänien oder Griechenland bedeuten die Proteste auch einen Notschrei gegen einen Staat, der in der Euro-Krise zunehmend die eigenen überhöhten Kosten und die obszönen Subventionen für Banken bei den Unterschichten eintreibt. Im Internet machen programmatische Forderungen nach Abschaffung aller möglichen Abgaben die Runde, was wie so oft nach dem italienischen Volkssport der Steuervermeidung riecht. Doch tatsächlich kommt Italien als hart durchgreifender Staat auf eine skandinavische Abgabenquote, lässt seine Bürger dann aber mit maroden Krankenhäusern, Schulen, Straßen ziemlich allein.

          Wenn das Prekariat nun den Steuerstaat als Hassobjekt ausmacht, dann mit gutem Grund. Und während es soziale Wohlfahrt kaum noch gibt, hat man von den wahnwitzigen Privilegien der Politikerkaste so gut wie keine angetastet. Die Verkleinerung des Parlaments, die Abschaffung der über sechzigtausend staatlichen Dienstwagen, das Streichen überflüssiger Beamtenstellen – während Premierminister Letta die „verfluchte Sparpolitik“ Europas geißelt, ist an seinesgleichen bislang kaum gespart worden.

          Die Wut der Straße

          Die staatliche Pfändungsbehöre „Equitalia“ zählt auch daher zu den Feinden der „Forconi“, weil sich hier die notorische Ineffizienz der Verwaltung mit gnadenloser Härte verbindet. Während die Behörde für die Abwicklung von Prozessen oft Jahre braucht, werden die Betroffenen währenddessen von festgesetzten Wucherzinsen erwürgt. Der Zorn vieler Enteigneter und Arbeitsloser, die seit Jahren mit sechhundert Euro Stütze auskommen müssen und deren Kinder keine Stelle finden, hat sich derart aufgestaut, dass Innenminister Alfano bereits vor einer Volksrebellion warnte. Und auch das katholische Bistumsblatt „Avvenire“ appellierte an die Politik, Wut und Hoffnungslosigkeit nicht einfach abzutun.

          Selbstredend gibt es in der Armutsbewegung auch Trittbrettfahrer wie die Fußballhooligans oder die rechts- wie links-anarchischen Blöcke, die immer zur Stelle sind, wenn es Krawall gibt. Aus der Haft solidarisierten sich Rotbrigadisten mit dem Protest – Hand in Hand mit der erzfaschistischen Splitterpartei „Forza Nuova“. Doch auch zahlreiche Wohlhabende, die sich unter Berlusconi an Wohltaten für Reiche gewöhnt haben, reiben sich über die Blockaden der „Forconi“ die Hände. Dass in digitalen Kassibern die sofortige Abschaffung der Luxussteuer auf Motoryachten gefordert wird, spricht Bände.

          Demonstration der Forconi am 11. Dezember auf der Piazzale Loreto in Mailand

          Die Wut der Straße bleibt indes ein sozialer Fakt. Beunruhigend ist – von Soziologen konstatiert – die politische Heimatlosigkeit der Protestierenden. Von den Etablierten sind die „Forconi“ restlos enttäuscht; Beppe Grillos Protestbewegung „5 Stelle“ wird im Parlament als gescheitert empfunden. Und so rekrutiert sich das Gros der Protestler aus eher rechten Kreisen, die früher zur separatistischen „Lega Nord“ oder zum fröhlichen Schulden- und Spendierstaat Berlusconis tendierten.

          Mistgabeln können auch als Waffe herhalten

          Der Medienmogul, dem es gewiss nicht an Weihnachtsgeld mangelt, ist allemal gewieft genug, das Potential plebejischen Protestes zu wittern. Nachdem er rechtskräftig verurteilt wurde und ihm seine Granden weggelaufen sind, ist der alte Volkstribun wohl bereit, mit einem radikalisierten Wählerreservoir die Regierung für eigene Zwecke unter Druck zu setzen und das Land gegenüber Europa weiter zu destabilisieren. Eines von Berlusconis radikalsten Flintenweibern hat die „Forconi“ bereits unmissverständlich als „gente nostra“ (unsere Leute) vereinnahmt.

          Vor einem antieuropäischen, rechtspopulistischen Berlusconismus hat die Kaste der Politiker wirklich Angst. Denn mit der Medienmacht des Moguls könnte sich der Protest zu einer ernsten Herausforderung entwickeln – womöglich bereits bei der Europawahl im Mai. Der mit unseliger Symbolik angekündigte „Marsch auf Rom“ blieb am Mittwoch mit gerade einmal dreitausend Teilnehmern noch ein friedlicher Sturm im Wasserglas. Allein – Mistgabeln sind anfangs ein Symbol fürs energische Ausräumen, aber sie können auch als Waffe herhalten.

          Dass sich aus den antistaatlichen Affekten der Italiener irgendwann etwas Produktives entwickeln könnte, hoffen einstweilen nur die wenigsten. Mit Galgenhumor nahm der beliebte Fernsehkomiker Maurizio Crozza deshalb die „Forconi“ aufs Korn: In Italien funktioniere doch ohnehin nie etwas. Warum also obendrein noch Bahnhöfe und Autobahnen lahmlegen? Eine echte Revolution wäre es erst, wenn es keine Staus mehr gäbe und alle Züge pünktlich kämen.

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