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Proteste in Italien : Marsch der Mistgabeln auf Rom

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Die Wut der Straße

Die staatliche Pfändungsbehöre „Equitalia“ zählt auch daher zu den Feinden der „Forconi“, weil sich hier die notorische Ineffizienz der Verwaltung mit gnadenloser Härte verbindet. Während die Behörde für die Abwicklung von Prozessen oft Jahre braucht, werden die Betroffenen währenddessen von festgesetzten Wucherzinsen erwürgt. Der Zorn vieler Enteigneter und Arbeitsloser, die seit Jahren mit sechhundert Euro Stütze auskommen müssen und deren Kinder keine Stelle finden, hat sich derart aufgestaut, dass Innenminister Alfano bereits vor einer Volksrebellion warnte. Und auch das katholische Bistumsblatt „Avvenire“ appellierte an die Politik, Wut und Hoffnungslosigkeit nicht einfach abzutun.

Selbstredend gibt es in der Armutsbewegung auch Trittbrettfahrer wie die Fußballhooligans oder die rechts- wie links-anarchischen Blöcke, die immer zur Stelle sind, wenn es Krawall gibt. Aus der Haft solidarisierten sich Rotbrigadisten mit dem Protest – Hand in Hand mit der erzfaschistischen Splitterpartei „Forza Nuova“. Doch auch zahlreiche Wohlhabende, die sich unter Berlusconi an Wohltaten für Reiche gewöhnt haben, reiben sich über die Blockaden der „Forconi“ die Hände. Dass in digitalen Kassibern die sofortige Abschaffung der Luxussteuer auf Motoryachten gefordert wird, spricht Bände.

Demonstration der Forconi am 11. Dezember auf der Piazzale Loreto in Mailand

Die Wut der Straße bleibt indes ein sozialer Fakt. Beunruhigend ist – von Soziologen konstatiert – die politische Heimatlosigkeit der Protestierenden. Von den Etablierten sind die „Forconi“ restlos enttäuscht; Beppe Grillos Protestbewegung „5 Stelle“ wird im Parlament als gescheitert empfunden. Und so rekrutiert sich das Gros der Protestler aus eher rechten Kreisen, die früher zur separatistischen „Lega Nord“ oder zum fröhlichen Schulden- und Spendierstaat Berlusconis tendierten.

Mistgabeln können auch als Waffe herhalten

Der Medienmogul, dem es gewiss nicht an Weihnachtsgeld mangelt, ist allemal gewieft genug, das Potential plebejischen Protestes zu wittern. Nachdem er rechtskräftig verurteilt wurde und ihm seine Granden weggelaufen sind, ist der alte Volkstribun wohl bereit, mit einem radikalisierten Wählerreservoir die Regierung für eigene Zwecke unter Druck zu setzen und das Land gegenüber Europa weiter zu destabilisieren. Eines von Berlusconis radikalsten Flintenweibern hat die „Forconi“ bereits unmissverständlich als „gente nostra“ (unsere Leute) vereinnahmt.

Vor einem antieuropäischen, rechtspopulistischen Berlusconismus hat die Kaste der Politiker wirklich Angst. Denn mit der Medienmacht des Moguls könnte sich der Protest zu einer ernsten Herausforderung entwickeln – womöglich bereits bei der Europawahl im Mai. Der mit unseliger Symbolik angekündigte „Marsch auf Rom“ blieb am Mittwoch mit gerade einmal dreitausend Teilnehmern noch ein friedlicher Sturm im Wasserglas. Allein – Mistgabeln sind anfangs ein Symbol fürs energische Ausräumen, aber sie können auch als Waffe herhalten.

Dass sich aus den antistaatlichen Affekten der Italiener irgendwann etwas Produktives entwickeln könnte, hoffen einstweilen nur die wenigsten. Mit Galgenhumor nahm der beliebte Fernsehkomiker Maurizio Crozza deshalb die „Forconi“ aufs Korn: In Italien funktioniere doch ohnehin nie etwas. Warum also obendrein noch Bahnhöfe und Autobahnen lahmlegen? Eine echte Revolution wäre es erst, wenn es keine Staus mehr gäbe und alle Züge pünktlich kämen.

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