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Proteste in der Türkei : Erdogans Rede für Schlagstock und Gummigeschoss

Qualmwolken vor der türkischen Flagge: Auf dem Taksim-Platz wird gekämpft Bild: AFP

Während der türkische Premier sein Volk anstachelte, ließ er die Polizei zugreifen. Es ging Erdogan um ein weiteres Anheizen der Lage und die Legitimation von Gewalt. So handelt kein Staatsmann.

          4 Min.

          Während gestern die türkische Polizei ihren Angriff auf den Taksim-Platz begann, hielt der türkische Ministerpräsident eine lange Rede. Sie wurde vom Hörfunk und von mehreren türkischen Fernsehsendern live übertragen. Im ganzen Land schalteten die Leute das Radio ein oder setzten sich vor ihre Fernseher. Leider waren Erdogans Worte nicht die eines demokratisch gesinnten, besonnenen Staatsmannes, dem daran liegt, die Ruhe in seinem Land wiederherzustellen. Es war vielmehr die Rede eines Mannes, der jedes Maß und Gespür für die Situation verloren hat, der seine Anhänger ohne Rücksicht auf Verluste gegen die Demonstranten aufhetzen will.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In beinahe jedem Satz, den Erdogan sagte, verbog er die Wirklichkeit. So sehr, dass die Gewalt gegen die Demonstranten jedem, der bisher nicht die Gelegenheit hatte, die Leute auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park persönlich zu erleben, als angemessenes Mittel gegen sie erscheinen musste. Erdogan ließ die Polizei angreifen, während er im Fernsehen zu seinem Volke sprach. Die Nachrichtenagentur Reuters sendete ihre Bilder vom Taksim-Platz direkt auf ihre Internetseite. Und wenn man diese Übertragung verfolgte und parallel dazu der Rede Erdogans lauschte, dann kamen einem seine Worte vor wie eine unheimliche Begleitmusik, speziell komponiert für die Schlagstöcke, Wasserwerfer, Gummigeschosse und dem Tränengas, die im selben Augenblick über den unbewaffneten Demonstranten hereinbrachen. Erdogan wirkte wie ein Vater, der auf seine Kinder eindrischt, und währenddessen sich und ihnen und den zuschauenden Nachbarn erklärt, warum es so zu ihrem Besten sei.

          Erdogan schimpft, während die Polizei vorrückt

          In Istanbul hatten sich die Leute zunächst gewundert, dass die Hundertschaften der Polizei ausgerechnet morgens gegen 7.30 Uhr auf dem Taksim-Platz erschienen waren - und nicht erst bei Einbruch der Dunkelheit, wie sie es an den vorangegangenen Tagen des Protests getan hatten. Später am Vormittag lieferte ihnen Erdogans Rede die Erklärung für dieses Verhalten. Der türkische Ministerpräsident hielt seine Rede im Parlament in Ankara, und das kommt eben in der Regel vormittags zusammen und nicht erst am Abend.

          Erdogan drückte in seiner Ansprache alle Knöpfe, von denen er annimmt, dass sie maximale Teile der Bevölkerung maximal erregen. Er sprach von Religion, Ehre, Wirtschaft, Verschwörungstheorien, und er sprach von anarchistischer Gewalt und behauptete, die Demonstranten seien „Terroristen“. Der Ministerpräsident sagte, während zur selben Zeit der Taksim-Platz mit Tränengas eingenebelt wurde, die Demonstranten würden in die Moscheen des Landes eindringen, dort Alkohol konsumieren und „unsere kopftuchtragenden Schwestern“ auf der Straße attackieren. Erdogan sagte auch, und in diesem Augenblick rückten die Wasserwerfer vor, die Demonstranten demütigten die Polizei. Er behauptete, während man im Internet sah, wie ein einzelner Demonstrant sich hinter einer Barrikade aus Baustellenmaterial kauerte und eine türkische Flagge schwenkte, dass die Ladenbesitzer am Taksim-Platz ihre Läden bald dicht machen müssten, weil sich niemand mehr traue, dort einzukaufen - einzig jene, die Bier und Raki im Angebot hätten, machten riesige Geschäfte. Erdogan sagte weiterhin, und in diesem Moment stob gerade eine Gruppe von Demonstranten vor weiß behelmten Polizisten auseinander, dass Kreise, die der Türkei schaden wollten, „den Kindern im Park“ Geld bezahlt hätten, damit sie Unruhe stifteten im Land. Das Einzige, wozu sie in der Lage seien, sei „das Werfen von Molotow-Cocktails.“ Bereit zu Gesprächen seien sie hingegen nicht. Und schließlich, aus dem Live-Stream von Reuters waren gerade Schüsse von Tränengas- und Gummigeschosspistolen zu hören, setzte Erdogan die Demonstranten in seiner Rede auch noch mit den Verantwortlichen des Attentats von Reyhanli gleich, jenem Ort an der türkisch-syrischen Grenze, wo Mitte Mai 52 Leute durch mehrere Autobomben getötet worden waren.

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