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Proteste in Berlin : Corona tanzt in den Mai

  • -Aktualisiert am

Abstandsregeln Fehlanzeige: Der Demonstrationszug am späten Nachmittag Bild: Reuters

Wie eine späte Performance von Joseph Beuys: Berlins Protestszene sucht nach neuen Formen und hängt alten Volksbühnenträumen nach. Der 1. Mai beweist: Wir leben nicht in einer Diktatur.

          7 Min.

          Das Fanal hatte Frank Castorf gesetzt. Mit einem Interview im „Spiegel“, in dem er die drastischen Schutzmaßnahmen der Bundesregierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus als „Kampagne“ bezeichnete und sich von der Bundeskanzlerin in seiner „bürgerlichen Erziehung“ beleidigt zeigte. Er wäscht sich offenbar nicht gern die Hände. Dass das in diesen Zeiten nicht seine Privatsache ist, interessiert ihn offenbar nicht. In gewohnt schnoddrig-provokationssüchtiger Manier erklärte er, in diesen Tagen an seine politische Vergangenheit erinnert zu werden: „So wie zu Zeiten der DDR von der Politik die sozialistische Menschengemeinschaft propagiert wurde, wird heute die gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor dem Tod propagiert.“ Ein Satz, der – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gesagt – wohl dazu geführt hätte, dass ein paar Theater ihre Verabredungen mit ihm überdacht hätten. Aber auch so bot das Interview genug Stoff, um es seinen Verehrern zukünftig schwer zu machen, ihn noch „links“ zu nennen: Inzwischen habe er festgestellt, dass er Donald Trump möge, „weil der aus der Reihe tanzt“, sagte Castorf, er habe Sehnsucht nach Protest, nach einem Bürgeraufstand wie zu Zeiten der „Notstandsgesetzgebung“.

          Hygiene-Spaziergang

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Vorabend des 1. Mai, als die bürgerlichen Arbeitnehmer Berlins in ein langes Wochenende aufbrachen und zu ihren Brandenburger Zweitwohnsitzen fuhren (viele von ihnen parken ihre Autos dort zur Zeit hinter Büschen, weil sie in den „Hamptons Berlins“ nicht gemeldet sind), fuhr am Rosa-Luxemburg-Platz vor Castorfs ehemaligem Theater ein Kleinlaster vor und teilte Zeitungen aus. „Nicht ohne uns!“ nennt sich ein dadaistisch-chaotisches Protestkollektiv, das sich aus ehemaligen Volksbühnen-Besetzern und Veteranen des kapitalismusentsagenden „Hauses Bartleby“ zusammensetzt. Bei den von ihnen bisher organisierten sogenannten „Hygiene-Spaziergängen“ war es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen, auch, weil sich neben Meditationskünstler auch Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikale unter die Spaziergänger gemischt hatten. Die angeblich bundesweit distribuierte Protestzeitung „Demokratischer Widerstand“ nimmt Castorfs Rede vom „Notstand“ auf und klagt in abgeschauter Entrüstung eine „verfassungsbrüchige Regierung“ an, die ihre Bevölkerung „hinter Masken zwängt und entwürdigt“.

          Einsatz für die Ausnahme von der Ausnahme: Berliner Einsatzkräfte mit Mundschutz

          An diesem Nachmittag wurden einige Paketstapel der Publikation in Autos verladen, SUVs mit Brandenburger Kennzeichen fuhren vor. Die Organisatoren priesen das Blatt lautstark als „momentan größte Wochenzeitung Europas“ an. Doch der Marktschrei verklang auf dem nahezu menschenleeren Platz. Ein paar Veteranen des Berliner Ökobürgertums und eine Fahrradgruppe junger Studenten bildeten diesmal das Auditorium. Kurzzeitig drohte eine Eskalation, weil sich ein Obdachloser über eines der Verteilfahrzeuge lustig machte. Ansonsten blieb alles ruhig.

          1. Mai in Corona-Zeiten

          Im Friedrichshainer Südkiez am Boxhagener Platz läutete die autonome Linke um 19 Uhr dann die Walpurgisnacht ein. Vor einem bunt bemalten Wohnhaus tanzte eine Handvoll Menschen mit Bierflaschen in der Hand zu „Bella Ciao“. Im gebotenen Mindestabstand standen Polizisten mit Schäferhunden und beobachteten das Geschehen, als wären sie Teil einer späten Beuys-Performance. In Sichtweite waren mehrere Mannschaftswagen geparkt, in denen sich die müden Gesichter von Polizistinnen gegen die Scheibe drückten. Der Platz füllte sich langsam, vor allem mit Fotografen und Journalisten. Alle wollten sehen, wie ein 1. Mai in Zeiten von Corona aussehen würde. Eine Pressesprecherin erklärte, dass eine unangemeldete Versammlung bis zu neun Menschen eine Ordnungswidrigkeit und ab zehn Beteiligten einen Straftatbestand darstelle. Ein bisschen klang das so wie die Achthundert- Quadratmeter-Regel. Wie es denn dieses Jahr um das Vermummungsverbot stehe, wenn doch der anständigen Bürgerschaft von offizieller Stelle eine Vermummung von Mund und Nase empfohlen werde? Ja, das sei eine paradoxe Situation, sagte die Pressesprecherin, die selbst keine Maske trug. So lange man aber beim Gegenüber die Augen sehen könne, sei alles in Ordnung. Ein infernalisches Gewitter löste die Versammlung dann schneller auf als jede Polizeistaffel das geschafft hätte.

          Am Nachmittag des eigentlichen Maifeiertags, zurück an der inzwischen von rund dreihundert Einsatzkräften der Polizei weiträumig mit Gittern abgesperrten Volksbühne. Ein symbolträchtiger Ort, der in seiner Geschichte schon oft als Kulisse für politischen Protest diente. 1913 mithilfe von Spenden aus dem Arbeitermilieu realisiert, wurde der im modernistischen Stil durch den Architekten Oskar Kaufmann gebaute „Theatertempel“ 1914 eröffnet. Er war ein monumentaler Solitär im neu entstehenden Teil des Berliner Scheunenviertels, das bis zum Zweiten Weltkrieg zu einem der ärmsten Quartiere der Millionenstadt zählte. Der Theaterbau mit über zweitausend Plätzen, holzvertäfeltem Foyer und modernster Bühnentechnik repräsentierte das Selbstbewusstsein der aufkeimenden proletarischen Kulturbewegungen des Deutschen Kaiserreiches. „Das Monster an der Linienstraße“, wie das Gebäude im Berliner Volksmund verspottet wurde, zog in der Weimarer Republik die bedeutendsten Dramaturgen und Regisseure des Avantgardetheaters an. Es entstanden Stücke, die das Theater zum Ort der politischen Bildung machten.

          Die Volksbühne in einer Aufnahme aus dem Jahr 1930

          Auf den umliegenden Straßen wurden zeitgleich die politischen Kämpfe der fragilen Weimarer Republik ausgefochten. 1923 erschütterte ein Pogrom an den jüdischen Bewohnern des Viertels Berlin. Herumvagabundierende Massen plünderten Geschäfte, verwüsteten Synagogen und jagten Menschen. Ein Tiefpunkt in der Geschichte des Schauspielhauses, das im kommunistisch geprägten Osten der Hauptstadt mit Straßenperformances, Theatergruppen und den ersten Filminstallationen auf spektakuläre Weise seine Avantgardestellung  behauptete. Wenige Jahre später wurde die Volksbühne Zeuge einer weiteren politisch motivierten Tat: An einem Augustabend 1931 fielen mehrere Revolverschüsse auf zwei Polizeibeamte. Beide starben sofort. Einer der blutigsten Morde der späten Weimarer Republik, verübt von kommunistischen Paramilitärs, fand im Angesicht der Volksbühne statt – niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, dass einer der Täter, Erich Mielke, zu einem der gefürchtetsten Führungskader in der Deutschen Demokratischen Republik aufsteigen würde.

          Turbulente Jahre

          Wenig später, nach der sogenannten „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, endete die linke politische Kultur des Theaters vorerst. Aus dem „Palast des freien Theaters“ wurde eine Institution der arischen Rassenlehre. Der Volksbegriff erfuhr eine identitäre Umdeutung und der Vorplatz wurde nach dem in rechtsextremen Kreisen als Märtyrer gefeierten Horst Wessel benannt. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil des Gebäudes dann durch Bombeneinschläge zerstört, nur die Ruinen der Fassade blieben erhalten. Doch schon 1948 wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, da das legendäre Arbeitertheater mit neuster Technik an die Bedürfnisse der DDR-Kulturpolitik angepasst werden sollte. In den Wendejahren beteiligten sich viele Mitarbeiter, Schauspieler und Regisseure an den friedlichen Massendemonstrationen gegen das SED-Regime, unter anderem am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Mit der Intendanz von Frank Castorf durchlebte das Theater seine turbulentesten Jahre. Sein Nachfolger, der belgische Kurator Chris Dercon, konnte sich nur für kurze Zeit halten.

          Rosa würde sich im Grab umdrehen

          2017 wurde das Haus eine Woche lang von der Aktivistengruppe „Staub zu Glitzer“ besetzt. Einer der damaligen Anführer war Hendrik Sodenkamp, der nun als Herausgeber des „Demokratischen Widerstands“ fungiert. Auch sein Herausgeberkollege Anselm Lenz verdingte sich zu der Zeit als eine Art Pressesprecher der Besetzer. Jetzt versammelt er sich zusammen mit einigen hundert Demonstranten an den errichteten Absperrgittern. Auf dem Rosa-Luxemburg-Platz selbst sind am 1. Mai nur exakt zwanzig Demonstranten des sogenannten antifaschistischen Gegenprotests zugelassen. Ein versprengtes Grüppchen singt „Die Gedanken sind frei“. Hinten am Bühnenhaus steht ein Plastikdinosaurier im Wind und hört sich antikapitalistische Parolen an. Jemand hat mit Kreide auf den Boden geschrieben: „Rosa würde sich im Grab umdrehen“. Worauf sich das genau bezieht, bleibt offen. Über Lautsprecher kündigt die Polizei den am Gitter Verharrenden Maßnahmen an, wenn sie nicht „einzeln abwandern“. Es gibt einige Festnahmen. Auch Organisator Lenz wird in Gewahrsam genommen. Ein Herr mit grünem Hut will mit zwei Polizisten „Fakten diskutieren“, eine Mutter schimpft über die „Merkel-Diktatur“. Hinter einem Einsatzwagen haben zwei großgewachsene Einsatzkräfte mit Mundschutz einem Jungen mit Mützenpullover die Hände auf den Rücken gedreht. Sein Kopf ist an das Blech des Fahrzeugs gedrückt. Mühsam dreht er ihn zur Seite, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Wird niemand ihn zum Märtyrer im Kampf für die Demokratie erklären?

          Mulmiges Gefühl

          Man geht mit einem mulmigen Gefühl an ihm vorbei. Festgenommen, weil er sich versammeln wollte – der Vorgang scheint unrechtmäßig. Allerdings führt die Polizei nur aus, was die Politik ihr aufgetragen hat: nämlich bis zum 3. Mai keine Menschenansammlungen zuzulassen. Und doch bekommt die theoretische Frage nach der Verhältnismäßigkeit hier einen handfesten Sinn. Am frühen Abend ziehen die meisten Demonstranten weiter Richtung Kreuzberg, dem traditionellen Epizentrum der linksautonomen Maiproteste. Hier hat sich die größte unerlaubte Maikundgebung angekündigt, die am Ende von mehreren tausenden Demonstranten abgehalten werden wird. Fünftausend Polizeibeamte aus dem Bundesgebiet sind bei dieser langen Kreuzberger Nacht im Einsatz, um das Schlimmste zu verhindern. Zwischen Kottbusser Tor und Moritzplatz sind die Straßen voll, an den Spätkäufen und Restaurants haben sich lange Schlangen gebildet, die Rede von den Lockerungen hat eine eigene Dynamik bekommen, die unumkehrbar scheint.

          Allein mit dem Dino: Einer von zwanzig Demonstranten auf dem Rosa Luxemburg Platz

          Bei Einbruch der Dunkelheit versammelt die Interventionistische Linke ihre Anhänger auf der Oranienstraße. Antifa-Flaggen wehen, Linkspunk erklingt. Eine kleine Theatergruppe stellt mit venezianischen Pestmasken die sozialen Gegenwartsprobleme der Erde dar, die auch die Kritikthemen des Marsches sind – das Flüchtlingselend im griechischen Auffanglager Moria, der Klimawandel, die soziale Ungleichheit. Die Route des Zuges wird spontan von den Organisatoren über Twitter bekannt gegeben, wodurch eine surreale Situation entsteht. Polizei und Demonstranten liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel durch enge Straßen. Die Protestierenden wandern im Zick-Zack durch den Stadtteil, die Polizei greift ein, sperrt Straßen ab, muss aber immer wieder das Spannungsverhältnis zwischen Einkesselung und der damit verbundenen Nichtwahrung des Abstandsgebots neu bestimmen. Ihre ausgefeilte Strategie funktioniert: Es gibt kaum Verhaftungen und eine der „kreativsten“ 1.-Mai-Demos seit langem kann stattfinden.

          Ausnahme von der Ausnahme

          Am Ende des Abends sammeln sich einige Demonstranten, die es geschafft haben, die Polizeiblockaden zu umgehen, auf dem Mariannenplatz. Ein tosendes Feuerwerk erhellt den Berliner Nachthimmel, aus vielen Fenstern wehen Plakate, Farbbeutel färben die Kreuzberger Straßen in Gedenken an im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge in Türkis und Azurblau. Auch wenn dieser Maifeiertag für Kreuzberger Verhältnisse früh endet, die Demonstranten und die Polizei schon gegen 22 Uhr abziehen, scheint durch die Ausnahme vom Ausnahmezustand für einen Moment Normalität wiedereingekehrt zu sein. Dass die Aktionen  – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – stattfinden konnten, ist ein paradoxer Triumph der Protestszene. Denn er zeigt ja vor allem eines: dass wir eben nicht in einer Diktatur des Notstands leben.

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