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Protestkulturen von 1989 : Die DDR war kein Sonderfall

  • -Aktualisiert am

Tausende demonstrieren vor dem Zentralratsgebäude der SED Bild: Picture-Alliance

Die Schlüsselfrage wurde verwischt: Ohne den Vergleich mit anderen osteuropäischen Ländern kommt die Debatte um Revolution und Protestkulturen von 1989 nicht voran. Ein Gastbeitrag.

          Der Streit zwischen Detlef Pollack und Ilko-Sascha Kowalczuk über die Umbrüche von 1989 nimmt eine Eigendynamik an, bei der inhaltliche Themen an den Rand geraten. Zunächst wurden von beiden Autoren Stichworte und Fragen umrissen, die auf der Hand liegen: Was meint Opposition in der DDR 1989? Aufstand der „Normalos“ gegen das Regime? Und: Was sind revolutionäre Ergebnisse von 1989?

          Lauter Fragen, die sich nicht nur mit Blick auf die DDR und Leipzig als Kristallisationspunkt der Massenproteste beantworten lassen. Es handelt sich vielmehr um Fragen zur politischen Lage, die 1989 in der DDR entstanden war. Eine revolutionäre Lage, in der Fragen nach den politischen Subjekten nicht so einfach zu bestimmen waren. Im Unterschied zu anderen Entwicklungen, die sich in der DDR 1989 verdichtet hatten, wie eine eigenständige Protestkultur. Für diese Probleme ist der Vergleich mit den osteuropäischen Gesellschaften unerlässlich. Die DDR existierte ja nicht als Sonderfall der Geschichte des Staatssozialismus.

          Darauf gehen die Kontrahenten nicht ein. Stattdessen gipfelt die Polemik in wechselseitigen Vermutungen über politische Sympathien und in Stereotype, wonach der jeweils andere einseitiger Urteile bezichtigt wird. Mehr noch – des politischen Moralismus und der Befangenheit, ohne dass ersichtlich wird, was auf diese Weise zum Gegenstand gesagt wird. Inhaltlich unterscheidbare Punkte des Streits über „1989“ werden in das Feld von Vergangenheitspolitik verschoben. Ein symbolisch aufgeladenes Feld, in dem auch ein hohes Maß an Selbstbezogenheit der Protagonisten zum Ausdruck kommt.

          Das ist nicht überraschend. Denn das unabhängige Milieu in der DDR, die persönlichen und informellen Netzwerke im Umfeld der evangelischen Kirchen stellten sich überschaubar dar. Es dominierten enge Verbindungen, Sympathien und Antipathien waren tief verwurzelt. Daher rühren Animositäten, die sich bis heute auswirken. Diese werden politisch genannt, beruhen allerdings häufig auf persönlichen Eigenarten, über die keine offenen Auseinandersetzungen geführt werden. In dieser Hinsicht gibt es mehr Gemeinsamkeiten mit Milieus der demokratischen Opposition in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, als bisher in Untersuchungen zur DDR als „Sonderfall“ angenommen wurde.

          Die Gesellschaft der DDR verstehen

          Vor diesem Hintergrund werden auch Anspielungen auf die „DDR-Geschichte“ bei Pollack und Kowalczuk mit wechselseitigen Vermutungen über „Standpunkte“, „moralische Imperative“ und Fragen zur politischen Standortbestimmung verknüpft. Dabei wird eine Schlüsselfrage verwischt, die beide Kontrahenten nur streifen; nämlich die Frage, wie man die Gesellschaft und die unabhängigen politischen Initiativen in der DDR verstehen sollte. Dafür gibt es seit Anfang der neunziger Jahre Untersuchungen, die beide Autoren nicht einmal am Rand erwähnen.

          So wurden für 1989 aufschlussreiche Parallelen zu den früheren Gesellschaften des Typs bürokratischer Staatssozialismus herausgearbeitet, die zu Ausgangsfragen der bisherigen Kontroverse zurückführen. Es geht um revolutionäre Situationen und revolutionäre Ergebnisse, um Dissidenz und Opposition, um politische Mobilisierung und Umbrüche in der politischen Kultur.

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