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Musik im Wahlkampf : Die moralische Selbstgewissheit der Popmusiker

  • -Aktualisiert am

Steife Brise: Szene bei einem Konzert der Band Fury in the Slaughterhouse im Jahr 2017 Bild: dpa

Politiker sollen die Zustimmung der Urheber einholen, bevor sie deren Songs bei Veranstaltungen abspielen: Das fordern Popmusiker in einem offenen Brief. Ihre Überzeugung, zu den Guten zu gehören, erstaunt – und wird immer totalitärer.

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          Was ist bloß aus den Rolling Stones geworden? Und haben böse Menschen eigentlich gar keine Lieder mehr? Doch: die von den Rolling Stones. Die Band hatte es sich verbeten, dass der amerikanische Präsident seine Wahlkampfauftritte mit ihrem Lied „You Can’t Always Get what you Want“ beschallte. Auch die Familie des 2017 verstorbenen Tom Petty verwahrte sich dagegen, dass dessen Lied „I Won’t Back Down“ zum Einsatz kam. Donald Trump, könnte man sagen, macht vielleicht nicht die richtige Politik, aber Geschmack hat er.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Den wird man ihm nicht ausreden können, auch wenn die Artist Rights Alliance nun in einem offenen Brief fordert, dass Politiker die Zustimmung der Urheber einholen, bevor sie deren Songs bei ihren Veranstaltungen abspielen dürfen; unterschrieben haben Mick Jagger, Steven Tyler (von Aerosmith), Sheryl Crow, Michael Stipe (von R.E.M.) und andere. „Kein Künstler“, teilt die Organisation mit, „sollte gezwungen sein, seine Werte preiszugeben oder mit Politikern in Verbindung gebracht zu werden, die er nicht respektiert oder unterstützt.“

          Werte: Gibt man sie schon preis, wenn man einen Politiker mit seiner Wahlkampfmusik einfach gewähren lässt, oder doch erst, wenn man ihn wählt? Und inwiefern hier jemand zu etwas „gezwungen“ werden soll, ist gleichfalls nicht ersichtlich. Das ist eben der Ton künstlicher Dramatisierung, die aus allem gleich eine Notlage macht und die Menschheit immer weiter in Gut und Böse einteilt. Wie viele Menschen mag es auf der Welt geben, die der herrschenden Moral zuwiderhandeln, aber dieselbe Musik hören wie die, die sich im Einklang mit ihr befinden? An die Stelle der Urheberrechte, die rational verhandelbar sind, scheint nun so etwas wie ein Menschenrecht getreten zu sein: Niemand darf zu der Annahme verleitet oder „gezwungen“ werden, dass ich, Mick Jagger oder wer auch immer, so denke wie der amerikanische Präsident. Ist es nicht egal, welche Musik in dessen Wahlkampf gespielt wird, solange es keine indizierte ist? Kein Mensch käme auf die Idee, die Rolling Stones wären, nur weil sie nicht einschritten, Trumps Meinung. Das kulturelle Establishment, von Hollywood über die Schriftsteller bis hin zum Popmusik-Mainstream, geht doch sowieso mit nichts von dem, was Trump tut oder lässt, konform. Die Sympathie mit dem Teufel, welche die Stones 1968 besangen, scheint aufgebraucht.

          Die Stones sind nichts für Feministinnen

          Jenseits solcher sich ja geradezu aufdrängender rockgeschichtlicher Pointen darf man vielleicht ein gewisses Unbehagen über eine Entwicklung äußern, die weniger durch ihre moralische Selbstgewissheit überrascht; an die hat man sich gewöhnt, und wer wäre nicht gegen Rassismus, Intoleranz und anderes? Die Frage ist bloß, ob man das bei jeder Gelegenheit beteuern muss. Es irritiert vielmehr die philisterhafte Art, in der das alles vor sich geht und die – da mögen die notorischen 153 intellektuellen Unterzeichner recht haben – langsam totalitär wird. So weit, dass die Urheber Trump das Hören ihrer Musik auch privat verbieten wollen, kommt es wohl nicht; aber schon die Gegenwart scheint beherrscht von einer Art Ansteckungslogik, die der Befassung mit Kultur bald den letzten Rest an ästhetizistischer Lizenz nimmt.

          Ohnehin sind die Rolling Stones nicht gerade die Lieblingsband von Feministinnen. In dem handgreiflichen Sexismus, den man bei ihnen nicht lange suchen muss, hätten sie sogar eine Gemeinsamkeit mit Trump. Insofern wäre es vielleicht klüger, sie hielten sich hier zurück, sonst könnte ihr Fan noch auf den Gedanken verfallen, weiteres Liedgut auflegen zu lassen. Hören wir doch mal rein: „Black girls just want to get fucked all night; I just don’t have that much jam“ („Some Girls“, 1978). Man darf annehmen, dass hier ein lyrisches Ich spricht und kein persönliches Bekenntnis vorliegt; aber schön ist es trotzdem nicht, und man würde es sich gut überlegen, den Leuten so etwas heute noch vorzusingen.

          Zuletzt geht es um das Verhältnis zwischen Kunst und Moral. Hitler liebte das „Lohengrin“-Vorspiel. Deswegen ist jemand, der dies auch tut, noch kein Nationalsozialist; aber es ist begreiflich, dass Wagner in Israel keine Selbstverständlichkeit ist. Die Manson-Mörder hinterließen an den Wänden, innerhalb derer sie Sharon Tate und andere grauenhaft ermordeten, mit Blut „Helter Skelter“. Ihr Witwer Roman Polanski machte (daraus?) später den Film „Der Tod und das Mädchen“, der anhand von Schuberts Streichquartett durchspielt, wie es ist, wenn man die Musik, zu der man einst gefoltert wurde, eines Tages wieder hört. Das sind monströse Beispiele, an denen jeder seine eigene Position schärfen kann. Die Rolling Stones sollten die Kirche lieber im Dorf lassen, auch wenn sie nie an den Teufel geglaubt haben.

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