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Prominente als Patienten : Der Kampf um die Geheimsphäre

Als Patient genießt auch der Prominente Schutz vor den Medien Bild: AP

Josef Ackermann, Steve Jobs und Monica Lierhaus: die Erkrankungen mehrerer Prominenter sind nicht nur für die Boulevardmedien ein Thema geworden. Doch sind die Berichte darüber eigentlich legitim?

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          Im Internet gibt man sich zurückhaltend. Was hierzulande praktisch jeder weiß, bei Wikipedia wird es verschwiegen: Über die schwere Erkrankung von Monica Lierhaus, die vor Tagen bekannt wurde, verliert die Internet-Enzyklopädie in ihrem Eintrag zu der Moderatorin kein Wort. Ein Schweigegelübde, moralisch manifestiert und aufmerksam überwacht von den Wikipedia-Aufsehern. Ohne Diskussion lief es freilich nicht ab. Mehrfach versuchten Wikipedia-Zuträger, einen Absatz über den Gesundheitszustand von Monica Lierhaus hinzuzufügen, der jedoch stets wieder entfernt wurde. „Jegliche Äußerung ist unerwünscht! Alle weiteren Anmerkungen, die von der Person nicht gewünscht werden, werden kategorisch wieder entfernt“, kündigt der Wikipedia-Kontrolleur „Boonekamp“ an.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die älteren Medien waren weniger skrupulös. Nicht nur die „Bild“-Zeitung, auch andere Blätter verkündeten die Nachricht, dass die Moderatorin im künstlichen Koma liege. Bei „Spiegel Online“ landete die Eilmeldung oben auf der Seite und verdrängte Gazakrieg und Finanzkrise. Es war die ARD in Person ihres Programmdirektors Volker Herres, die in einer Erklärung die Öffentlichkeit über die Erkrankung ihrer Mitarbeiterin informiert und zugleich darum gebeten hatte, deren Privatsphäre zu respektieren. Wenig später später verschickte die Hamburger Anwaltskanzlei Prinz/Neidhardt/Engelschall Faxe an die Redaktionen mit der Aufforderung, „Recherche und Berichterstattung über die Erkrankung unserer Mandantin“ zu unterlassen. Erkrankungen gehörten „zum innersten Bereich der Privatsphäre“, weshalb „Berichterstattung rechtswidrig“ sei. Dass am Tag danach die Zeitungen voll waren mit Berichten über Lierhaus, ließ sich dadurch nicht verhindern.

          Anteilnahme oder Voyeurismus

          Die Faszination der Öffentlichkeit für das Leben prominenter Zeitgenossen scheint größer denn je, und es verwundert nicht, dass das traurige Schicksal einer bekannten, jungen und gutaussehenden Fernsehmoderatorin viele Menschen bewegt, ob es nun Anteilnahme auslöst oder Voyeurismus. Je eifriger jedoch die Medien das Geschäft mit dem Privaten von der Prominenz betrieben, je dreister die Paparazzi den Objekten ihrer Begierde auf die Pelle rückten, desto entschiedener stellten sich die Gerichte zuletzt auf die Seite derjenigen, über die berichtet wurde: Der Intimbereich des Persönlichkeitsrechts des Betroffenen wiegt in der Regel schwerer als das Informationsinteresse der Allgemeinheit und die Pressefreiheit. Der Gesundheitszustand einer Person, so urteilte etwa der Bundesgerichtshof am 14. Oktober vergangenen Jahres zugunsten der Klägerin Caroline von Monaco, sei eine „höchstpersönliche Angelegenheit“. Auch der Pressekodex konstatiert: „Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden fallen grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen.“

          In der vergangenen Woche sah das jedoch ganz anders aus. Nicht nur Monica Lierhaus rückte ungewollt ins Blickfeld, auch die Unternehmer Steve Jobs und Josef Ackermann sorgten für Schlagzeilen außerhalb des Wirtschaftsressorts. Die Ankündigung des Apple-Chefs, aus gesundheitlichen Gründen ein halbes Jahr zu pausieren, ließ den Aktienkurs seiner Firma drastisch abstürzen, löste Debatten aus, wie abhängig eine Firma sich von einem einzigen Mann machen dürfe, und animierte die „Financial Times Deutschland“ zu einem Infokasten namens „Jobs’ Krankenakte“.

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