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Der Berliner Bezirk Neukölln : Als Deutscher bin ich Minderheit

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Auch das ist Neukölln: Abenddrink im Klunkerkranich auf den Neuköllnarkaden Bild: Kien Hoang Le

Neukölln, der Stadtteil im Südosten Berlins, steht in der Integrationsdebatte für „Problem“ und „Brennpunkt“. Pegida-Fans verwenden den Bezirk synonym für alles, was sie hassen. Dabei ist Neukölln ein gutes Beispiel, wie das Deutschland der Zukunft funktionieren könnte. Ein Buchauszug.

          Kürzlich war es wieder so weit: Auf einer Pegida-Demonstration wird ein Rentner befragt. Er sagt: „Ich habe Angst, dass meine Enkel mal an die Schule kommen, und die haben dasselbe Problem wie zum Beispiel in Neukölln.“ Die Reporterin fragt ungläubig nach, er erwidert: „Dass wir im Endeffekt als Christen nicht mehr das Abendland beherrschen und dass wir von anderen Leuten übertüncht werden und dass wir nichts mehr zu sagen haben.“ Das Online-Magazin Neukoellner.net gab sofort eine Einladung an alle Dresdner raus, einfach mal zu kommen, man werde sie herumführen. Niemand reagierte.

          Dabei ist der Berliner Stadtteil ein Labor für das, was Deutschland sein kann – mit allen schönen und hässlichen Seiten. Die Stadt sammelt jährlich 800 Tonnen Müll von den Straßen. Manchmal hört man von nächtlichen Gang-Schlägereien. Ein Drittel der Menschen lebt von Hartz IV. Gleichzeitig sind die Szene und das Nachtleben hier so interessant wie sonst nirgendwo, das Leben ist nirgends so urban, Multikulti ist intakt. Hier sind türkische Mädchen mit Kopftuch die Klassenbesten, amerikanische Künstler betreiben die Bars. Ungarische Juden organisieren in Moscheen Infoabende. In Neukölln ist Deutschland schon ein modernes Einwanderungsland. Niemand sagt, dass dann alles gut und einfach wird.

          Von einem Deutschland ins andere

          Ich wollte einfach nur in meiner Stadt umziehen. Und dann habe ich an den Reaktionen gemerkt, dass ich von einem Deutschland ins andere muss. „Das könnt ihr nicht machen, nicht mit Kindern!“ – „Überleg dir das noch mal. Idealismus in Ehren, aber es geht hier um deine Familie.“ – „Ja, ja, das ist der verdammte Berliner Mietwucher. Jetzt müsst ihr Armen nach Neukölln gehen.“ Die Lehrerin, die unseren großen Sohn nach einer sehr modernen, freien Methode durch die ersten Schuljahre gebracht hat, ignoriert meine Ankündigung, dass wir wechseln wollen, und sagt nur: „Nein, nein, das wäre nicht gut für ihn.“

          Niemand sagt, dass plötzlich alles einfach wird: Passanten in der Hermannstraße. Bilderstrecke

          Als wir kurz darauf wirklich in Neukölln ankommen, hören wir von Nachbarn: „Wie ungewöhnlich, ihr kommt hierher? Normalerweise gehen die Eltern in eurem Alter. Sie kommen als Studenten, führen hier ihr Single-Leben, ausgehen kann man gut. Dann bekommen sie Kinder, und bevor die im Schulalter sind, ist die Familie schnell weg.“ Ein Vater, mit dem ich sprach, hat mit Nachbarn eine Fahrgemeinschaft gegründet, um die Kinder jeden Tag zu einer acht Kilometer entfernten Schule zu fahren.

          Im sogenannten Problemviertel offenbart sich eine tief sitzende Lebenslüge der liberalen Mittelschicht. „Man denke etwa daran, wie sehr gerade liberale Milieus soziale Brennpunkte meiden, wie gerade junge Familien darauf achten, dass ihre Kinder in schicht- und kulturadäquaten Umfeldern beschult werden“, schreibt der Soziologe Armin Nassehi. Zadie Smith hat mit „London NW“ einen ganzen Roman darüber geschrieben: Obwohl alle für die gute Sache sind, ergibt es sich wie durch ein Wunder, dass die kreative Boheme sich in Stadtteilen sammelt, in denen Trinker, Hartz-IV-Empfänger und Ausländer eben keine Rolle spielen. Berlin-Prenzlauer Berg ist, so peinlich das klingt, praktisch genau das, was der rechtsradikale Kampfbegriff „national befreite Zone“ meint.

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