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Privatschulboom in Potsdam : System im Schatten

Französischunterricht an einem Gymnasium Bild: Cornelia Sick

In Potsdam besucht jeder fünfte Schüler eine Privatschule, Tendenz steigend. Der Berliner „Tagesspiegel“ feierte die Stadt schon als „Hauptstadt der Bildungsbürger“. Ist das ein Ergebnis ausgefeilter Bildungspolitik oder schlichter Zufall?

          3 Min.

          In Potsdam besucht jeder fünfte Schüler eine Privatschule, Tendenz steigend. Der Bundesdurchschnitt liegt bei etwa sieben Prozent, fünf sind es im Brandenburger Land. Der Berliner „Tagesspiegel“ feierte die einstige preußische Residenzstadt schon als „Hauptstadt der Bildungsbürger“. Ist sie das? Gründen Bildungsbürger neuerdings sofort private Schulen, kaum sind die Umzugskisten ausgepackt? Die nachgereichten Begründungen für den ungewöhnlichen Befund lassen eher vermuten: Das ist denen einfach passiert.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Also kein Ergebnis ausgefeilter Bildungspolitik, die eine gewisse Kenntnis zumindest der eigenen Bildungsgeschichte und demographischer Fakten voraussetzen würde. Die Linke, deren bildungspolitische Strategie sich normalerweise in Einheitsschulplänen erschöpft, jubelt mit und führt den Boom der Privaten auf „moderate Preise“ zurück. Doch die leisten sich nur die Schulen der Kirchen.

          Dass man unter den vierundzwanzig freien Schulen nur eine - die Waldorfschule - findet, die andere Schulabschlüsse anbietet als das Abitur, verschweigen Einheitsschulverfechter. Für alle, die „nur“ den mittleren Schulabschluss oder den der Hauptschule schaffen, und für Kinder aus Problemfamilien bleibt der Staat zuständig.

          Hunderte Schulen geschlossen

          Die Ursachen für den Potsdamer Privatschulboom sind vielfältig. Zum einen galt es viel nachzuholen; ein Drittel der neuen Schulen werden von den Kirchen unterhalten, die es sich viel kosten ließen, um die Lücke im Osten zu schließen. Dass die Stadt viele junge Familien anzieht, denen die Bildung ihrer Kinder am Herzen liegt, ist gewiss kein Grund. Doch so hat man es sich im sozialdemokratisch geführten Rathaus zurechtgelegt, das dieser Schicht eigentlich ordentliche öffentliche Schulen anzubieten hätte. Die werden stattdessen geschlossen, wenn sinkende Schülerzahlen sie vermeintlich unrentabel machen; unrentabel nach Richtlinien des Staates.

          Eine Privatschule kann man nicht einfach schließen, weder aus fiskalischen Gründen noch mit Verweis auf die demographische Wende. Denn die hat auch Potsdam nicht verschont. Und so schrumpfte das Bildungsangebot des Staates, das der Privaten wuchs, weil sie blieben. Und weil sie tatsächlich viel investieren, vor allem nach anderen Gesichtspunkten. Sie nehmen es hin, wenn in ersten Klassen nur zehn Kinder oder weniger sitzen. Sie halten das trotzdem für eine gute Sache, auf Zukunft angelegt, nicht auf Rentabilität.

          Der plötzlich wiederentdeckte „Bildungsbürger“ aber musste ertragen, sofern er auf dem platten Land und nicht im Potsdam der SPD und der Linken lebte, dass Hunderte Schulen geschlossen wurden. Wenn es zu arg wurde, fanden sich Bürger manchmal zusammen und übernahmen die letzte staatliche Schule, statt den wenigen, ihren Kindern lange Schulbustouren zuzumuten. Bürgerschaftliches Engagement im besten Sinne: Wer sich die Mühsal eines Schulbetriebs aufbürdet, hat eine Idee, wie er leben will - und Gründe, warum er bleibt.

          Potsdam im Aufwind

          Das Bleiben ist für Brandenburg eine Überlebensfrage geworden. Mit Potsdam verhält es sich etwas anders, Potsdam ist tatsächlich eine Stadt im Aufwind, nicht nur für Bildungsbürger. Aber die Umbrüche der vergangenen zwei Jahrzehnte haben dafür gesorgt, dass das Schulsystem zerlöchert. Die Gründe, warum etwa viele Berliner Eltern in Privatschulen flüchten, aus den Problemvierteln der Stadt, in denen man wohnt, deren Schulen man aber meidet, diese Gründe treffen auf Potsdam ebenfalls nicht zu.

          Die großzügige Genehmigungspraxis ist zwar von der Verfassung gestützt, doch mahnt sie an, weiterführende private Schulen (außer konfessionellen) nur zu genehmigen, wenn es ein besonderes pädagogisches Interesse gibt und ein Programm, das die öffentlichen nicht bieten. Chinesisch etwa oder gleich fünfsprachig. Das trifft mit Sicherheit nicht auf alle Neugründungen zu. Dafür aber wird geknausert, wenn es wieder einer Staatsschule an den Kragen geht. Es drängt sich der Eindruck auf, die Stadtverwaltung habe sich ein paar Probleme vom Halse geschafft und ein entscheidendes einfach ignoriert.

          Schulwesen im Wandel

          Das Privatschulwesen hat in Deutschland eine gute Tradition, als Ergänzung und als gesunde Konkurrenz zum staatlichen. Inzwischen aber profitiert es vor allem von der Phantasielosigkeit des Staates und den Mängeln der Öffentlichen, die keine glaubwürdigen Verteidiger haben. Weder bei den Konservativen, schon gar nicht bei den Sozialdemokraten, die ihre eigenen Ideale - wie man etwa den „Aufstieg der Begabten“ fördert - vergessen haben.

          Alle schauen zu, wie ein Konsens aufgekündigt wird, der mehr als zweihundert Jahre lang hielt und einst weltweit Nachahmer fand: dass die Schulen zuvörderst Veranstaltungen des Staates sind, der dafür zu sorgen hat, dass jeder nach seinen Fähigkeiten „nützliche Kenntnisse“ erwirbt. So stand es schon im achtzehnten Jahrhundert im Preußischen Landrecht, daran haben sich bisher alle folgenden Verfassungen orientiert. Und die Mittelschicht.

          Wenn es so geht wie in Potsdam, werden wir keinesfalls finnische, eher amerikanische oder britische Verhältnisse bekommen. Dann zählt nicht mehr, was man kann, sondern wo man das, was man kann, gelernt hat. Staatliche Schulen aber, zu Konfliktlösern degradiert, werden in den Ruf geraten, dass man sie seinem Kind lieber erspart.

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