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Schoa-Überlebende : Sieben Mal Lebensmut

  • -Aktualisiert am

Die Schoa-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, geboren 1925 in Breslau, lebt heute in Großbritannien. Das Porträtgemälde von Peter Kuhfeld zeigt auch zwei Aufnahmen der jungen Cellistin, als die sie im Lagerorchester von Auschwitz spielte. Bild: Royal Collection Trust

Niemand, der nicht da gewesen sei, kann verstehen, wie es war: Auf Anregung von Prinz Charles wurden Porträts von sieben Holocaust-Überlebenden angefertigt, die heute in England leben.

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          „Das Leben war süß“, erinnert sich Helen Aronson an ihre Kindheit, die im September 1939 ein jähes Ende nahm, als sie mit ihrer Familie zwei Tage nach dem deutschen Einmarsch in Polen im Ghetto von Pabianice eingepfercht wurde. Später ka­men sie ins Ghetto von Łódź. Das Ein­zige, was sie außer dem Leben aus der menschengemachten Hölle retten konnte, ist eine silberne Puderdose, die ihr der Bruder 1944 zum Geburtstag schenkte. Es ist ihr kostbarstes Gut. Im Ghetto pflegte sie den Waisen, die sie betreute, die Geschichte von Hänsel und Gretel zu erzählen. Auf der Puderdose sind die Geschwister abgebildet.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Aronson ist eine von sieben Überlebenden des Holocausts, die im Auftrag von Prinz Charles für die königliche Sammlung gemalt worden sind, um Zeugnis abzulegen von den Abgründen der Menschheit, aber auch von Mut und Durchhaltevermögen. Der britische Thronfolger sieht diese außerordentlichen Persönlichkeiten, die inzwischen alle in ihren Neunzigern sind, als lebende Denkmäler und Leitbilder. Ihre Einzelschicksale stehen für sechs Millionen unschuldige Opfer der Vernichtungsmaschinerie, die ihre Geschichten nicht erzählen konnten und deren Porträts nie gemalt wurden. Die Bilder werden am heutigen Holocaust-Gedenktag in der Queen’s Gallery des Buckingham-Palastes erstmals präsentiert. Am Abend sendet die BBC einen bewegenden Dokumentarfilm über das Projekt. Er wird am 19. und 22. Februar auch Zuschauern im Ausland über BBC World News zugänglich sein.

          Last und Entschlossenheit

          Im beinahe fotografischen Gleichnis Helen Aronsons, das Paul Benney in Öl auf Leinwand gebannt hat, sitzt die alte Dame mit einem fuchsienfarbenen Schal um die Schultern und hält die Dose an ihre Brust, als wäre sie Bestandteil ihrer selbst. Die aus Ungarn nach Auschwitz verschleppte Lily Ebert hat ebenfalls ein An­denken durch alle Widrigkeiten retten können: einen klei­nen goldenen Anhänger, den sie von ihrer an der Rampe von Auschwitz in die Gaskammer geschickten Mutter bekommen hatte und jetzt immer an einer Halskette trägt. Ihr Bruder hatte diesen Schmuck zunächst für sie in seinem Schuhabsatz versteckt. Die Beule, die ein Nagel dabei hinterlassen hat, ist, anders als die seelischen Narben, bis heute sichtbar. Ishbel Myerscough hat diesen Anhänger in ihrem Bildnis von Lily Ebert mit Blattgold überzogen, um seine Bedeutung herauszustellen.

          Rachel Levy erzählt, dass sie Tag und Nacht an das Dorf ihrer Kindheit in den Karpaten denke, aus dem sie nach Auschwitz getrieben wurde. Es ist, als versuchte sie das Unsägliche mit Erinnerungen an die besseren Zeiten zu überlagern, um die sie betrogen wurde. Last und Entschlossenheit sprechen aus ihren Zügen, wie sie Stuart Pearson Wright wiedergibt. Massimiliano Pironti wiederum hat den Auschwitz-Überlebenden Arek Hersh mit miniaturhafter Präzision in Öl auf Aluminium eingefangen. In der Art von Renaissanceporträts sind zwei emblematische Gegenstände hinter ihm arrangiert: ein Moses aus Porzellan und eine der Fotografie des ju­gendlichen Hersh nach seiner Ankunft in England. Auf der Leinwand hält er die Rechte über die Stelle mit der Tätowierung, die KZ-Häft­linge auf eine Nummer reduzierte. Clara Drummond wiederum ging es darum, die positive Lebenseinstellung des gebürtigen Kasselers Manfred Goldberg zu vermitteln: Sein Gesicht strahlt Güte aus.

          Die für ihre schonungslose Darstellung menschlichen Fleischs bekannte Jenny Sa­ville hat mit Tinte, Kreide und Kohle auf getöntem Papier das düsterste unter den Bildnissen gemalt – wohl nicht zuletzt, weil sie es für einen Fehler hält zu glauben, dass Ge­schichte sich nicht wiederholen könne. Man blickt ins rissige Gesicht von Zigi Shipper wie auf ein Denkmal. Sein Kopf ist umgeben von wässrigen Tintenflecken, die unauslöschbare Gedanken suggerieren. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzend, lässt Saville sein gestreiftes Hemd in breitere lose Striche übergehen, die die Häftlingskleidung heraufbeschwören.

          An einer Stelle des BBC-Films geht der Blick der nüchtern-sachlich erzählenden Anita Lasker-Wallfisch nach innen. Man kann nur ahnen, was er dort findet. In seinem den deutschen Expressionismus zitierenden Porträt bringt Peter Kuhfeld diese Introspektion zum Ausdruck. Niemand, der nicht da gewesen sei, könne verstehen, wie es war, sagt die Cellistin, deren Mitgliedschaft im Frauen­orchester von Auschwitz sie vor dem Tod bewahrt hat. Und wenn man da gewesen sei, komme man nie wieder heraus. Wichtig aber sei, so zu leben, dass man würdig sei, als Mensch bezeichnet zu werden.

          Bis zum 13. Februar in der Londoner Queen’s Gallery ausgestellt; vom 17. März bis 6. Juni im Palast von Holyrood House, Edinburgh.

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