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Pressefreiheit in China : Warum fangen wir nicht bei uns an?

Propagandistische Instrumentalisierung: China übt Druck auf die entwickelten Länder aus Bild: AFP

Öffentlichkeit erscheint in China häufig als bloße Machtfrage. Um so erstaunlicher, wie lebhaft eine Studie über die deutsche China-Berichterstattung debattiert wird. Pressefreiheit gehorcht eben doch einer eigenen Logik.

          3 Min.

          Wenn es von der marxistischen Weltsicht etwas gibt, das in der chinesischen Gesellschaft bis heute allgemein verbreitet ist, dann ist es die Lehre von der Interessengebundenheit aller Meinungen und Nachrichten. Deshalb bedarf es für die Regierung in Peking keines großen Aufwands, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die kritischen Berichte in westlichen Medien über China das Produkt politischer Kräfte seien, die China übelwollen. „Erwachsene neigen dazu, die Welt aus einem festen ideologischen Rahmen heraus zu betrachten und zu erklären, der kaum verändert werden kann“, hieß es deshalb jetzt in der „Renmin Ribao“, der Zeitung der Partei, um dann anzuschließen: „Es ist gut, dass China seinen internationalen Einfluss erhöht hat und nun Druck auf die entwickelten Länder ausüben kann.“ Die Öffentlichkeit erscheint da als bloße Machtfrage, als Ergebnis von Druck und Gegendruck.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die beiden Sätze stehen in dem Artikel über eine Studie, in der die Heinrich-Böll-Stiftung die deutsche China-Berichterstattung ihrerseits beleuchtet. „Die deutschen Medien müssen ihre China-Stereotype aufgeben“, schreibt die Parteizeitung als Titel über ihre Zusammenfassung, der zufolge mehr als die Hälfte der berücksichtigten Artikel negative Stereotype über China aufgewiesen hätten. Dies allerdings ist eine Behauptung, die in die Irre führt. Die Studie hatte vielmehr festgestellt, dass in mehr als der Hälfte der berücksichtigten Artikel China eigentlich gar nicht das Thema ist, sondern das Stichwort „China“ bloß in allegorischer Weise aufgegriffen werde.

          Zitate aus dem Berliner „Tagesspiegel“, die dort gar nicht standen

          Die Allegorien offenbarten freilich häufig kollektive Stereotypen - ein Umstand, den die Studie dann leider ebenso auf sich beruhen ließ wie die Frage, ob westliche Medien die Voraussetzungen ihrer eigenen Perspektive reflektieren. „Renmin Ribao“ begnügte sich in seinem Bericht wie alle anderen chinesischen Medien, die die Studie aufgriffen, mit den „Stereotypen“ und unterschlug den Binnenpluralismus und die Differenzierung, den die deutschen Kommunikationswissenschaftler in den von ihnen untersuchten Texten wahrgenommen hatten. Die chinesischsprachige Parteizeitung „Global Times“ nahm die als notwendig vorausgesetzte Parteilichkeit der Nachrichten sogar als Lizenz zum freien Erfinden und zitierte aus dem Berliner „Tagesspiegel“ Sätze, die dort gar nicht standen.

          Wohin führt die Parteilichkeit von Nachrichten? Angeklagter vor einem Mittleren Volksgericht in Xiamen

          Es war zu erwarten, dass manche Staatsmedien den selbstkritischen Ansatz der deutschen Studie für ihre Zwecke nutzen. Überraschend dagegen ist, dass daraus nun auch eine Debatte innerhalb des Landes entstanden ist, in der zwei chinesische Intellektuelle die gewohnte propagandistische Instrumentalisierung scharf kritisieren. Die neue Zeitung „Shidai Zhoubao“ (Wochenzeitung) aus Kanton widmet dem Fall unter der Überschrift „Verdeckte Operationen bei der Verbreitung der chinesischen Soft Power“ eine ganze Seite, auf der auch drei deutsche Autoren (der Sinologe Thomas Heberer, der „taz“-Redakteur Sven Hansen und Katrin Altmeyer, die Leiterin des Pekinger Büros der Böll-Stiftung) Gelegenheit bekommen, die manipulative Darstellung der Studie in chinesischen Medien zu kritisieren.

          Es hängt weniger an der Rhetorik als an der Integrität

          Zhan Jiang, ein Professor für internationale Presse an der Pekinger Fremdsprachenuniversität, greift dann insbesondere die „Global Times“ an. Ihr Erfolg beruhe darauf, dass sie das Vorurteil, dass China von missgünstigen Mächten umstellt sei, mit oft zweifelhaften, durch die Redaktion nicht überprüften Recherchen zu bedienen versuche. Zuerst habe Amerika im Mittelpunkt der Strategie gestanden, jetzt rücke Europa immer mehr in den Vordergrund. „In dieser kommerziellen Zeit“, schreibt Zhan, „kann man offenbar auch mit den Gefühlen der Menschen für ihr Land Geld verdienen.“ Ironischerweise sei die englischsprachige Version der Zeitung zugleich der Vorreiter eines akkuraten, sich an internationale Presseregeln haltenden Journalismus, der sich nicht scheue, auch Fehler Chinas einzugestehen.

          Auch Han Honggang, ein Redakteur der „Shidai Zhoubao“, fordert, die Presse dürfe nicht länger der hergebrachten Propaganda folgen. Deren oft einseitige und leere Floskeln seien auch in China selbst unbeliebt. Das Recht, in der globalen Öffentlichkeit von gleich zu gleich mitzureden, könne sich China nicht allein durch sein Wirtschaftswachstum erwerben. Die Öffentlichkeit gehorche vielmehr einer eigenen Logik, die niemand ungestraft verletze. Ob China die von der Regierung immer dringlicher erwünschte „Soft Power“ entwickele, hänge deshalb auch weniger von rhetorischen Finessen als von der eigenen Integrität ab: vor allem davon, ob es sein Entwicklungsmodell vor dem Hintergrund der eigenen Kultur neu zu interpretieren vermöge und ob seine „Reformen die Beschränkungen des Systems“ überwänden.

          Der Mut dieser Stimmen beschämt

          Die kritischen Stimmen zeigen, dass es auch in der etablierten Intelligenz Chinas keine einheitliche „patriotische“ Front gegenüber dem Westen gibt. Auch bei außenpolitischen Themen wollen einige Publizisten die bisher geforderte Parteilichkeit zugunsten eines differenzierenden, sich an internationalen Standards orientierenden Journalismus hinter sich lassen. Der Mut dieser Stimmen beschämt zugleich jene, die im gegenwärtigen Stadium der Globalisierung vor westlicher Selbstkritik warnen, weil diese dann von anderen instrumentalisiert werden könne. Universelle Werte wie Pressefreiheit überzeugen eben weniger als machtpolitische Behauptung denn durch vorbildhaftes Handeln. „Wenn sich die Deutschen schon so tiefsinnig mit den Problemen ihrer Medien auseinandersetzen, weshalb können wir das dann nicht auch?“, fragt Professor Zhan seine Landsleute.

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