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„Prager Frühling“ : Kalter Krieg im Radio

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Im Februar 1968 noch Hand in Hand: Alexander Dubcek und Walter Ulbricht in Prag Bild: AP

Wie die DDR einmal die ČSSR hereinzulegen versuchte: mit dem Radiosender „Vltava“, den der ostdeutsche Staat gegen den „Prager Frühling“ in Stellung brachte. Der Sender blamierte sich: Die Sprecher gaben statt richtigem Tschechisch Phrasen von sich.

          Prags KP-Führung träumte 1968 von einer sozialistischen Gesellschaft ohne Zwang und ideologischen Firlefanz und wollte fortan Moskau auf gleicher Augenhöhe begegnen. Sie riss das Ruder herum und setzte auf demokratisches Miteinander, weil sie befürchtete, dass der alte Kurs in einem Desaster enden würde. Ihr Befreiungsschlag blieb ein kurzer, von den Sowjets und deren Gefolgschaft brachial beendeter Traum: der „Prager Frühling“.

          Vor vierzig Jahren hofften viele, das Experiment möge gelingen - nicht aber der saturierte osteuropäische Funktionärsklüngel, schon gar nicht der ostdeutsche. Deshalb feuerte Ost-Berlin gegen den „Prager Frühling“ aus allen Rohren. So meldete die „Berliner Zeitung“ am 9. Mai 1968, dass sich amerikanische Soldaten und Panzer in der ČSSR befänden. Prag stellte richtig: Hier werde der Film „Die Brücke von Remagen“ mit altem Kriegsgerät gedreht. Das wurde ignoriert, die Meldung wiederholt. Der Prager Außenpolitiker Antonín Snejdárek zog ein bitteres Fazit: „Die Führung der DDR hat alles verspielt, was an Sympathien für die DDR in der ČSSR vorhanden war.“

          Der Gegner an der Südflanke

          Der SED-Chef Walter Ulbricht wollte die „sozialdemokratisierte“ KPC-Führung weghaben: „Wir können nicht zulassen, dass uns der Gegner von der Südflanke aus mit einem Messer in die Seite sticht.“ Seine DDR verklärte er am 13. August 1968 in Karlsbad zur Vorzeigedemokratie: „Als wir aus der Presse erfuhren, dass Sie eine Zensur abgeschafft haben, waren wir sehr erstaunt, weil wir so etwas nicht kannten.“ Zuvor führte er die Dubček-Führung hinters Licht: Es werde trotz Differenzen nicht zum Äußersten kommen.

          Ulbricht hatte schon im Mai eine Invasion nicht ausgeschlossen und wollte seine Armee dabeihaben. Der Kreml zog die einmarschbereit aufgestellte Dresdner 7. Panzerdivision kurz vor dem Angriff zurück. Die SED-Führung installierte gegen Prags Reformkurs den Sender „Vltava“ („Moldau“). In der ČSSR kannte ihn jeder, aber in der DDR nur Eingeweihte. Ulbricht unterschlug die zentrale Rolle der SED an dieser Propagandafront.

          „Wir müssen dort das Denken der Arbeiter und Bauern ändern“

          Am 8. Mai 1968 traf sich in Moskau die Dubček-Opposition. Ulbricht warb für eine Offensive gegen die ČSSR-Reformen: „Wir müssen eine Kampagne führen, um dort das Denken der Arbeiter und Bauern zu ändern, denn sie sind doch jetzt mit Illusionen und Phrasen vollgestopft.“ Später notierte Albert Norden, im SED-Politbüro zuständig für Medien, in Ulbrichts Namen: „Ab kommender Woche wollen wir durch den Sender ,Dresden', der in der ganzen Tschechoslowakei gehört werden kann, täglich zwei etwa halbstündige Sendungen morgens und abends in tschechischer Sprache ausstrahlen, in denen die Einmischung des Imperialismus in die ČSSR entlarvt wird.“

          Die Berliner Frequenz von „Radio Berlin International“ (RBI) verstärkte den Mittelwellensender „Wilsdruff“ bei Dresden. Experten vor Ort meldeten bald: „Guter Empfang in Prag, besserer in der Slowakei. ,Radio Moskau' stört, benutzt die gleiche Frequenz für sein ČSSR-Programm.“ Die neue Redaktion bei RBI sendete vom 22. Juli an morgens und abends je eine halbe Stunde in Tschechisch, wenig später auch in Slowakisch. Manfred Feist, im SED-Apparat zuständig für „Auslandsinformation“, dirigierte sie als Nordens Aufpasser, der einige Manuskripte redigierte.

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