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Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck : Es ist Sonne über Berlin

  • -Aktualisiert am

Demokratie, sagt Joachim Gauck, ist die komplizierteste Aufgabe, die einfache Menschen bewältigen können. Bild: ddp

Dieser Kandidat hat einen Begriff des Politischen, der über Parteikalkül hinausgeht: Joachim Gauck ist christlich, bürgerlich, liberal und er weiß um die Dialektik der Freiheit. Er wäre ein idealer Bundespräsident.

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          Diese verrückte Woche endete immerhin mit einem guten Buch. Nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten am Montag, nach dem hektischen Jonglieren mit Namen an den darauf folgenden Tagen war endlich der Anlass gekommen, Joachim Gaucks Memoiren „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ zu lesen. Die Lektüre des berührenden und durchdachten Buchs war aber zugleich frustrierend, weil man dabei ermessen kann, wie sich die öffentliche Reflexion, auch die eines Politikers über sich selbst, in den zwanzig Jahren seit der Wiedervereinigung zurückentwickelt hat. Gauck denkt und schreibt wie ein Erwachsener, wo wir uns an das Verhalten und die Begründungen regressiver Teenager gewöhnt haben.

          Es geht in Deutschland zu wie in einer dysfunktionalen Familie: Während die Kanzlerin wortkarg immer weitermacht, suchen manche Männer um sie herum die Aufmerksamkeit nach Kinderart, indem sie sich beispielsweise vom Stuhl fallen lassen. Sowohl der Rückzug Roland Kochs wie der Rücktritt des Bundespräsidenten drückten nicht nur den Wunsch aus, endlich mal richtig verstanden zu werden, sondern waren auch als Bestrafung des undankbaren Publikums gedacht: Nun habt ihr uns nicht mehr, das habt ihr davon!

          In vielen Reaktionen auf den historisch beispiellosen Rücktritt des Bundespräsidenten wurde diese Entmündigung auch fraglos nachvollzogen. Kaum jemand nahm Köhlers Begründung ernst; stattdessen machten Ferndiagnosen und Mutmaßungen über nähere oder fernere Schicksalsschläge die Runde. Und wer gar nichts wusste, lobte immerhin dessen Engagement für Afrika, von wo kein Widerspruch zu erwarten ist. Kaum jemand traute sich einzugestehen, dass dies nicht nur eine persönliche, sondern eine politische und staatssymbolische, schwere Krise sei.

          Krisenbewältigung im Modus der Abarbeitung

          Wichtig war, gleich weiterzumachen. Es blieb keine Pause, einfach nur die Anatomie dieses Rücktritts zu diskutieren; obwohl doch auch die Form eines solchen Schritts für die geistige Verfassung des Landes bedeutsam ist. Warum fand sich in ganz Berlin niemand, der Horst Köhler Sätze aufschreiben konnte, die weniger abrupt und verletzend gewirkt hätten, etwas vom zeitlich stets begrenzten Dienst an der Staatsspitze, der heute vorzeitig an ein Ende gelange? So wirkten die dürren, abgelesenen Sätze aggressiv und besorgniserregend. Inwiefern spiegeln sie die Realität unseres Staates, der Verfassungsorgane und wie sie miteinander reden? Völlig verwegen klang die von Ulrich Wickert formulierte, dabei doch von schlichtem Common Sense getragene Frage, warum sich die Bundeskanzlerin nicht einfach auf den Weg gemacht habe zu Horst Köhler am Montag, um einen solch historischen Entschluss nicht am Telefon, sondern persönlich zu besprechen, selbst um den Preis eines mutwillig verwirbelten Zeitplans und Protokolls?

          Am Abend des Rücktritts immerhin erklärte sie, seltener Moment der Wahrheit, so etwas wie ihre Regierungsphilosophie: Jede Krise, die auf den Tisch kommt, nacheinander wegmeistern!

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