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Macron an der Frankfurter Uni : „Ich will keinen Arzt, ich will Visionen!“

Er wirbt mit Emphase für seine europäische Vision: Emmanuel Macron an der Frankfurter Universität. Bild: AFP

Emmanuel Macron wählt seine Auftritte mit Bedacht. In Frankfurt begab sich der französische Präsident an die Universität, dann mit der Kanzlerin zur Buchmesse. Er wirbt für ein neues Europa. Wie sieht das aus?

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          Der französische Präsident, der mit seiner im April 2016 in Amiens gegründeten Bewegung En Marche das politische Frankreich innerhalb weniger Monate auf den Kopf gestellt hat, wählt seine Auftritte mit Bedacht. Als Emmanuel Macron im Februar während des Wahlkampfs im Stade Gerlan von Lyon vor Zehntausenden die „Feuillets d’Hypnos“ von René Char zitierte wie Pompidou einst Éluard, da war das keine Idee seines Redenschreibers. Und auch seine große Rede zu Europa, in der Macron nicht ohne Pathos so etwas wie seine Universalformel zur Neufindung des Kontinents formulierte, hielt er Ende September nicht im Brüsseler oder im Pariser Parlament, sondern an der Universität Sorbonne.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der Mann, der wie ein König im Reich des Geistes nun auch mit großem Gefolge nach Frankfurt angereist ist, stellt sich bewusst und für alle sichtbar in eine literarische, geistesgeschichtliche Tradition. Deshalb war es auch diesmal kein Zufall, dass Macron, noch ehe er am Dienstag gemeinsam mit der deutschen Kanzlerin die Frankfurter Buchmesse eröffnet hat, zuvor einen Zwischenstopp an der Frankfurter Goethe-Universität einlegte.

          Der Auftritt am frühen Abend mit Angela Merkel war die Pflicht, die Bilder der Nachrichtensendungen standen schon vorher fest. Und Macron nutzte die Bühne der Buchmesse natürlich als weiteres Feld für seine Offensive zur Erneuerung Europas und zur Verstärkung der dafür unabdingbaren deutsch-französischen Achse. Dass er zuvor jedoch im Festsaal der Goethe-Universität das Gespräch mit dem französischen Sozialwissenschaftler und Dschihad-Forscher Gilles Kepel sowie mit dem deutsch-französischen Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit suchte, ist hingegen die Kür – ein Signal, das zeigen soll, worum es diesem Mann geht, der seine Lebensgeschichte als Bildungsroman erzählt: Wie er vom Vater, einem Landarzt aus der nordfranzösischen Provinz, die Grundgedanken von Nietzsche, Foucault, Levi-Strauss, Althusser vermittelt bekam, weil dies am Jesuitengymnasium nicht gelehrt wurde. Und wie er mit der Großmutter Nachmittage lang zusammensaß, um Geschichte, Geographie, vor allem aber Literatur zu lesen. Man glaubt es kaum, und doch beteuert Marcron ein ums andere Mal, wie er mit ihr Molière, Racine, Mauriac und Giono auswendig lernte. Die Großmutter habe ihm „die Tore zum Wissen und zum Schönen geöffnet“, so wird Macron nicht müde zu erzählen – eine sehr französische Geschichte.

          Während noch seine Urgroßmutter weder lesen noch schreiben konnte, war die Großmutter „Manette“ Lehrerin, was im Frankreich der III. Republik bedeutete, für die Aufklärung und für den sozialen Fortschritt zu arbeiten. Womöglich wäre auch Macron bei den Büchern geblieben, wäre er als Student der Philosophie nicht als Hilfskraft an Paul Ricœur geraten. Erst der Philosoph, Macrons zweiter wichtiger Mentor, hat ihn, wie er später schreiben wird, in vielen Gesprächen gelehrt, in historischen Zusammenhängen zu denken. Und erst der Einfluss Ricœurs habe in ihm den Entschluss reifen lassen, nicht nur lesen und verstehen zu wollen, sondern auch zu handeln.

          In Frankfurt nun, wo er auf eigenen Wunsch vor Studenten sprach, bekräftigte er noch einmal sein Eintreten für ein Europa, das sich nicht nur wirtschaftlich und juristisch definiert, sondern auch als Raum, in dem man lerne, mit kultureller Diversität zu leben: Auch deshalb müssten wir ein unleugbares Unbehagen in unseren Gesellschaften ins Visier nehmen, um einengende Identitätskonzepte aufzusprengen. Er glaube fest an die soziale Mobilität durch die Kultur, sagte Macron, der mit Flaubert und Boris Vian und den Fabeln von La Fontaine dafür warb, dass alle junge Menschen Zugang zur Literatur bekommen, ohne die Schwellen künstlich zu senken. Das ist es, was er unter „Emanzipation durch Exzellenz“ versteht.

          Amüsierten sich prächtig: Emmanuel Macron und Angela Merkel bei der Eröffnung der Buchmesse.

          Daniel Cohn-Bendit, der realistische Visionär, der im europäischen Bundesstaat die Nationalstaaten überwinden will, konfrontierte den Präsidenten mit Helmut Schmidt: Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Macron rief: „Ich will keinen Arzt, ich will Visionen!“ Cohn-Bendit insistierte dann auf konkreten Maßnahmen für die deutsch-französische Abstimmung, etwa bei Armeeeinsätzen, und forderte ein europäisches Eingreifen in der Katalonien-Krise. Letzteres lehnte Macron mit Verweis auf die nationalstaatliche Souveränität strikt ab; und er zeigte sich mit Deutschlands Unterstützung in Mali durchaus zufrieden.

          Gilles Keppel sprach die Bedrohung durch den Terrorismus an. Macrons Ausführungen kreisen sodann darum, dass man diese Frage nicht allein auf Sicherheitsvorkehrungen beschränken darf; der Kampf müsse früher, im Wesentlichen in der Schule und bei der Erziehung beginnen. Am Ende hatte Emmanuel Macron für das studentische Publikum sogar eine offizielle Verlautbarung mitgebracht: Dass er nämlich als französischer Präsident fortan die europäische Flagge und Hymne der französischen Trikolore und Marseillaise zur Seite stellen wird.

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