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Digitale oder Präsenzlehre? : Hört auf zu moralisieren!

Es gibt viele Formen der Präsenz: Erstsemester-Begrüßung an der Universität zu Köln Anfang Oktober 2019. Bild: Picture-Alliance

Die Ermöglichung unterschiedlichster Formen der Teilhabe und die Moderation der eigenen Energieleistungen: Warum Anwesenheit uns Freiheit schenkt. Ein Gastbeitrag.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Auch an den Universitäten hat Corona Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt. Dazu zählt die verbreitete Überzeugung, es sei pädagogisch am besten, wenn Lehrende und Lernende zu einer fest verabredeten Zeit in einem Raum miteinander arbeiten. Unter Quarantäne-Bedingungen war das nicht mehr möglich, und auf einmal wurde klar, dass die Lehre auch mit digitalen Medien aus der Ferne ganz gut funktioniert. Damit aber aus dem Provisorium nicht umstandslos feste Strukturen abgeleitet werden, haben die Literaturwissenschaftler Roland Borgards und Johannes Lehmann eine Petition „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ initiiert, die mittlerweile von mehr als 3500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus allen möglichen Fächergruppen unterstützt wird. Auch ich habe unterschrieben.

          Wie immer, wenn man selbst Geisteswissenschaftler und ein Text länger als drei Zeilen ist, wird man darin einiges finden, dem man gern zustimmt, und einiges, das man für diskussionsbedürftig hält. Diese Petition ist bei wohlwollender Lektüre jedenfalls ziemlich ausgewogen formuliert. Es wird darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig die digitale Lehre für den Studienbetrieb im Sommersemester war. Es wird die möglichst schnelle Rückkehr zu Präsenzformaten gefordert, aber unter strikter Beachtung der medizinischen Voraussetzungen. Und natürlich wird die Kommunikation unter Anwesenden in ein positives Licht gerückt, dies allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen: weil in Interaktion die Genese von Wissen in spezifischer Weise erfahren werde; weil das Studium eine Lebensform mit wichtigen Vernetzungseffekten bedeute; und weil wichtige wissenschaftliche Tugenden besonders gut im Gespräch unter Anwesenden ausprobiert und eingeübt würden. Vermutlich liegt es an dieser komplexen Verbindung von epistemischen, sozialen und normativen Erwägungen, dass die Präsenzlehre für viele trotz offenkundiger Mängel zum unverzichtbaren Bestand des Universitätsstudiums zählt. Auch für viele Studierende.

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