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Potsdamer Stadtschloss : Wer Geschichte nachbaut, muss ihr treu sein

  • -Aktualisiert am

Das Potsdamer Schloss auf einem Kupferstich von 1769 Bild: picture-alliance/ dpa

Rekonstruktionen sind große architektonische Mode. Das zur Zeit meistbeachtete Vorhaben, Potsdamer Stadtschloss, das als brandenburgischer Landtag auferstehen soll, könnte zur Karikatur werden.

          Wie haben wir vor Jahren herablassend gelächelt, wenn die Rede auf Walter Benjamins Essay vom „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ kam. Was noch in den sechziger Jahren als Prophetentum galt, die Formel nämlich vom bedeutungslos gewordenen Original, hatte sich als grandioser Irrtum erwiesen. Denn trotz Warhol und Beuys hielten Künstler, Publikum und Kunstmarkt unbeirrt an der Einzigartigkeit aller Werke „erster Hand“ fest. Ob Leonardos milliardenfach reproduzierte Mona Lisa, Warhols Marilyn oder der „Röhrende Hirsch bei Blitzschlag“ von Beuys - sie sind uns unantastbar und unersetzlich. Benjamin perdu? Nicht gänzlich, denn ausgerechnet in der Baukunst, jahrtausendelang die „Mutter aller Künste“, erleben wir momentan den Bankrott des Originals und den Sieg der Reproduzierbarkeit. Die Rede ist von der stetig wachsenden Zahl der Rekonstruktionen.

          Das momentan spektakulärste Projekt ist die - vergangene Woche endgültig beschlossene - Wiederauferstehung des Potsdamer Stadtschlosses als Sitz des brandenburgischen Landtags. Insofern auch ein sonderbares Spektakel, als zwar schon zwei Favoriten ausgewählt wurden, ihre Namen und Entwürfe aber vorläufig geheim gehalten werden. Wie auch immer - bis 2012, dem Eröffungsjahr des neu-alten Potsdamer Schlosses, werden wir schon etliche andere Eröffnungsfeiern für rekonstruierte Bauten erlebt haben. Die des barocken Frankfurter Thurn-und-Taxis-Palais beispielsweise, die des Pellerhauses, ein Kleinod der Renaissance in Nürnberg, und die der Berliner Bauakademie von Schinkel.

          Rekonstruktionen fast wie vom Fließband

          Rekonstruktionen fast wie vom Fließband - dies in Deutschland, jenem Land, wo infolge der verheerenden Kriegsverluste die Ehrfurcht vor dem architektonischen Original nach 1945 zur Tyrannei ausartete: Zu Hunderten wurden während des Wiederaufbaus kriegsversehrte historische Bauten abgebrochen, weil sie angeblich zu hohe Verluste an unwiederbringlicher Originalsubstanz erlitten hatten, und wenn man sich, wie etwa im Fall des zerbombten Frankfurter Goethehauses, doch zur Rekonstruktion entschloss, dann erfolgte dies mit Akribie. Jeder Schuttkegel wurde nach originalen wiederverwendbaren Resten, nach Fragmenten von Gewänden, Stuck und Konsolsteinen, selbst nach Nägeln und Türangeln durchsiebt.

          Modell des historischen Stadtschlosses

          In unseren vom blinden Glauben an die Reproduzierbarkeit aller Architektur gezeichneten Tagen geschieht das Gegenteil: In Frankfurt am Main startete die Rekonstruktion des barocken Palais Thurn und Taxis mit dem Abriss der erhaltenen Torpavillons, den einzigen originalen Überbleibseln der 1949 gesprengten Anlage. Der Grund: Sie standen einer Tiefgarage im Weg, wurden eingelagert und werden derzeit in die Replik integriert. Gänzlich originalfrei ist Berlins rekonstruierte „Kommandantur“ Unter den Linden. Damit wiederum ist sie ein Zwilling des benachbarten Kronprinzenpalais, das die DDR, darin ausnahmsweise Architektur-Pionier, 1950 gesprengt und 1968 aus dem Nichts nachgebaut hatte.

          Die Kopie aller Fassaden

          Beim Potsdamer Stadtschloss ist die Ausgangslage sehr viel günstiger. Dort waren viele Originalteile vor der Zwangssprengung der Kriegsruine im Jahr 1960 geborgen worden und liegen nun zur Wiederverwendung bereit - Säulen und Pfeiler, Gewände, Fassadenstatuen, Reliefs und Ziergitter. Zwar hinderte dies die zuständigen Landtagsabgeordneten Brandenburgs nicht, anfangs einen den Bedürfnissen eines heutigen Parlaments angemessenen „modernen Neubau in der historischen Kubatur“ zu fordern. Nachdem 2001 dank einer Spende des Fernsehmoderators Günther Jauch das barocke „Fortunaportal“ als Anreiz für eine Gesamtrekonstruktion aufgerichtet worden war, favorisierten die Politiker einen Zwitter aus Repliken und modernen Trakten. Erst die Zwanzig-Millionen-Euro-Stiftung des Software-Milliardärs Hasso Plattner, die er an eine vollständige Rekonstruktion des Äußeren knüpfte, bewirkte, dass nun die Kopie aller Fassaden sowie des berühmten Treppenhauses beschlosen ist.

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