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Polnische Jugend : Wenn Auswandern zum Volkssport wird

Selbst ein Zugereister: der irische Nationalheilige St. Patrick Bild: AP

Polen bangt um die Zukunft: Zwei Millionen junge Menschen haben das Land verlassen - wie Anna Paś. Die Philosophin wurde nach dem Studium zur Medienunternehmerin. In Irland. Daheim vermisst man die Auswanderer. Von Jörg Thomann.

          5 Min.

          Zwei Tage nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, verließ Anna Paś ihre Heimat. Sie packte ihre Koffer und flog von Posen nach Dublin. Wie viele Polen suchte sie die Ferne, um etwas von der Welt zu sehen und binnen weniger Monate mehr Geld zu verdienen, als es daheim in einem Jahr möglich wäre. Als Diplom-Philosophin, das ahnte Anna, würde sie in Polen keine Arbeit finden, und als Kellnerin konnte sie auch anderswo arbeiten, zum Beispiel in Dublin.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Studierte Philosophen, die Kaffee servieren oder Taxi fahren, hat auch Deutschland zu bieten; dass aber einer von ihnen es schaffen könnte, seinem Leben eine Wendung zu geben, wie sie Anna Paś gelang, darf man getrost ausschließen. Zwei Jahre nach ihrer Abreise ist die heute sechsundzwanzig Jahre alte Frau eine erfolgreiche Unternehmerin, die in Dublin zwei Zeitschriften herausgibt, eine Website betreibt und soeben ihr erstes Buch veröffentlicht hat.

          Irisches leben für Polen-Flüchtlinge

          „Ich kann es selbst nicht wirklich glauben, dass es wahr ist“, sagt Anna, die für ein paar Tage zurück in Polen ist, um in Warschau ihr Buch vorzustellen; doch kommt ihr das „meine Firma“ schon recht leicht über die Lippen. Anna kam zugute, dass sie nicht die Erste war. Anders als Deutschland haben Irland und Großbritannien ihren Arbeitsmarkt für die neuen EU-Mitglieder früh geöffnet, und so hat sich auch in Dublin eine große polnische Gemeinde angesiedelt. Es gibt polnische Geschäfte, polnische Gottesdienste und polnische Zeitungen. Für eine solche begann Anna zu schreiben, bevor sie mit zwei Gleichgesinnten beschloss, ein eigenes Blatt zu gründen, das sich „an Leute wie uns richtet“: Polen, für die der Umzug nach Irland kein Opfer, sondern „eine Lebenswahl“ war, die an der Kultur ihres Gastlandes interessiert und sprachlich in der Lage sind, sie zu verstehen.

          Anna Pas
          Anna Pas : Bild: Langenscheidt

          So entstand im März 2006 das Lifestyle-Magazin „Polski Ekspress“. Ein paar Monate später folgte „Zycie w Irlandii“ (Leben in Irland) für jene, die noch nicht so weit sind: Wer sich in Irland neu zurechtfinden muss, bekommt hier praktische Tipps zu Steuern oder Gesundheitssystem. Beide Titel haben inzwischen eine Auflage von je 8000 Exemplaren; in Dublin, wo es insgesamt sieben polnische Zeitungen gibt, ist Annas Firma damit Marktführer. Ihr jüngstes Projekt setzt die Idee von „Zycie w Irlandii“ nun in Buchform fort: Das bei Langenscheidt/Berlitz erschienene „Praca w Irlandii“ (Arbeiten in Irland) ist ein Irland-Führer für Polen-Flüchtige, in dem es zum Beispiel darum geht, wie man ein Bankkonto eröffnet oder Bewerbungsunterlagen zusammenstellt.

          In Polen wäre das unmöglich

          Etwa zwei Millionen Polen arbeiten Schätzungen zufolge im Ausland, Saisonarbeiter inklusive. Die meisten von ihnen sind ehrgeizig, gut ausgebildet und jung; geboren in den achtziger Jahren, als es in Polen einen Babyboom gab, finden sie in ihrer Heimat keine oder nur schlecht bezahlte Jobs. So kam es, dass die Auswanderung zum Volkssport wurde. Zwölf Prozent aller Polen wollen sich einer Umfrage der Zeitung „Rzeczpospolita“ zufolge im kommenden Jahr eine Arbeit im Ausland suchen. Das Risiko, das die Reise in ein fremdes Land immer bedeutet, scheuen die Polen weniger als andere: „Durch unsere komplizierte Geschichte haben wir gelernt, die Nische im System zu finden, flexibel zu sein und Dinge aus dem Nichts zu schaffen“, sagt Anna, die Philosophin, die in Irland zur Geschäftsfrau wurde.

          Zwischen 150.000 und 300.000 Polen sollen heute allein in Irland leben; die meisten haben sich gut in Gesellschaft und Arbeitsmarkt integriert. „Irische Arbeitgeber sind begeistert von den Polen, weil sie ernsthafte Arbeiter und sehr vielseitig sind“, sagt Anna. „Ein einziger Mann kann Ziegel legen, das Dach streichen, kennt sich mit Elektrizität aus und ist Tischler; normalerweise würde man dafür vier Leute brauchen.“ Ihrerseits schwärmt die junge Polin von ihrem neuen Heimatland. „Irland ist sehr geschäftsfreundlich. Die Behörden erklären dir ganz genau, was du tun musst, um eine Firma zu gründen. In Polen wäre es unmöglich, das ohne Kontakte oder viel Geld zu schaffen.“ Neben Großbritannien und Irland hat die polnische Migrantenwelle schon neue Ziele entdeckt. Hoch im Kurs steht seit kurzem Norwegen, und mit den Worten „Sei der Erste“ ruft die Krakauer Zeitschrift „Praca za Granicą“ („Arbeit im Ausland“) ihre Leser zur Reise ins „neue Eldorado“ Holland auf.

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