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Politologe Theodor Eschenburg : Ein Fall von Opportunismus bei unumstrittener Lebensleistung

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Seine Karriere als einer der ersten Politikwissenschaftler des Landes, die den pädagogischen Teil der „Umerziehung“ des Landes zur Demokratie repräsentierten, ist unbestritten. Zu seinen vielen Schülern gehörte zum Beispiel der junge „linke“ Politologe Ekkehart Krippendorff, den er habilitierte - und gegen das konservative Hochschulestablishment seines Faches verteidigte. Doch er konnte seine Biographie nicht abtreten, an wen auch? Statt Joachim Fests „Ich nicht“ hatte er 1934 „Ich schon“ gewählt. Also schwieg er außerhalb seines Freundeskreises, wie so viele andere auch, wie Walter Jens, wie Hellmut Becker, wie Karl Schiller oder der unsägliche NS-Jurist und spätere Grundgesetzkommentator Theodor Maunz - und auch wie Günter Grass. Aber der war noch ein 17-jähriger Junge, als es ihn in die Waffen-SS verschlug.

Späte Offenbarung: Erst 2006 wurde bekannt, dass Günter Grass (hier zusammen mit Willy Brandt) Mitglied der Waffen-SS war

Die inkriminierte Generation der Universitäts-Germanisten, der Historiker, der Juristen und erst recht der Mediziner des Dritten Reichs lebt nicht mehr. Manche von ihnen hatten sich mit schlecht verhüllten Lügen, zum Teil auch mit Namensänderungen, bis in die späten sechziger Jahre in ihren Positionen gehalten und ihre Vergangenheit buchstäblich bewältigt, um nicht zu sagen, „überwältigt“. Der moralische Impetus der später so genannten Achtundsechziger, die an ihren Universitäten die professoralen Überlebenskünstler des Dritten Reichs entdeckten, hatte viele, nicht selten autobiographische Motive: Töchter und Söhne gegen die Väter, nur selten gegen die Mütter. Dass Menschen sich ändern können, dass eine ganze Nation aus der eigenen Verbrechensgeschichte nach 1945 gelernt hatte - wenn auch langsam und mit üblen Ausnahmen -, stand in jenen sechziger Jahren nicht zur Debatte. Der moralische Rausch der Nachgeborenen war kosten- und risikolos. Ja, berechtigt war er auch.

Eine mögliche Erklärung des großen Schweigens der Elterngeneration mochten sie allerdings nicht in Erwägung ziehen: Dass jenes Schweigen oder bewusste Verschweigen einem genuinen Schamgefühl entsprang. Es machte nichts ungeschehen, gewiss, aber es war wohl auch ein privater Widerspruch gegen die Behauptung über die angebliche „Unfähigkeit zu trauern“. Und Eschenburg? Schwieg er aus Scham? Oder weil er fürchtete, dass Selbstbezichtigungen nach 1945 demselben Verdacht opportunistischen Handelns anheimfielen, das ihn als junger Mann in die SS geführt hatte?

Der Opportunismus hält an

Seine Verdienste beim Aufbau des demokratischen Gemeinwesens sind unbestritten. Eine beträchtliche Zahl der Eschenburg-Schüler erwägt, aus der DVPW auszutreten, sollte der Preisname getilgt werden. Was also soll mit dem Preis geschehen, der seinen Namen trägt? Ihn abzuschaffen oder umzubenennen hätte einen schalen Beigeschmack und täte Eschenburgs Namen unrecht - zumindest doch dem zweiten, beachtlichen Teil seines Lebens. Und wer sich unter den verbeamteten Politologen die Mühe machte, seine eigenen jugendlichen Schriften der sechziger Jahre auf Flugblättern oder in Suhrkamp-Bändchen anzuschauen, mitsamt ihren verschärft antikapitalistischen Prognosen (zum Beispiel unter dem Titel „Progressive Gewalt“), könnte sich eines gewissen Selbstzweifels nicht erwehren.

Vielleicht veranstaltet der Verband der deutschen Politikwissenschaftler erst einmal einen Kongress über die tragende Rolle des Opportunismus in Wissenschaft, Politik und Kultur unter besonderer Berücksichtigung von Scheinheiligkeit und systemischer Nützlichkeit in allen Lebenslagen, ob in Demokratien oder Diktaturen, ob in Berufungsverfahren oder Fraktionsabstimmungen. Neudeutsch gesprochen: The Eschenburg Lectures?

Die Kontroverse

Die Deutsche Vereinigung für Politik-Wissenschaft (DVPW) entscheidet am kommenden Samstag über den nach Theodor Eschenburg benannten Preis, den sie seit 2003 in Anerkennung eines politikwissenschaftlichen Lebenswerks vergeben hat. Eschenburg gilt als einer der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaft nach 1945. Als Namensgeber jenes Preises ist er seit dem Fund von zwei Schreiben zu einem Arisierungsfall wegen seiner Tätigkeit als Verbandsfunktionär während der NS-Herrschaft in die Debatte geraten. 115 Wissenschaftler haben gerade einen offenen Brief verfasst, in dem sie die DVPW auffordern, den Preisnamen beizubehalten. Nicht nur seien die Verdienste Eschenburgs um sein Fach und die Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik unumstritten. Er habe auch als liberaler Publizist und Politiker bis zuletzt die Weimarer Demokratie unterstützt und auch nach ihrem Zusammenbruch in erkennbarer Distanz zum Nationalsozialismus gestanden. Zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehören der Theologe Hans Küng (Tübingen), die Historiker Hans Mommsen (Dortmund) und Wolfgang Benz (Berlin), die Soziologen Rainer M. Lepsius (Heidelberg) und Renate Mayntz (Köln) sowie die Politikwissenschaftler Iring Fetscher (Frankfurt), Gerhard Lehmbruch (Konstanz), Philip Manow (Bremen), Fritz W. Scharpf (Köln) und Manfred G. Schmidt (Heidelberg). (kau)

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