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Politologe Theodor Eschenburg : Ein Fall von Opportunismus bei unumstrittener Lebensleistung

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Eschenburg schwieg. War es das deutsche Schweigen der Nachkriegszeit? Nicht ganz. Sein ehemaliger Assistent, der emeritierte Politikwissenschaftler Gerhard Lehmbruch, erinnert sich sehr wohl daran, dass Eschenburg seine SS-Mitgliedschaft bei Gelegenheit erwähnt habe. Und woher wusste es Altmann? Lehmbruch meint, dass er das wohl von Ossip Flechtheim erfahren habe, der als linksliberaler, prominenter Politologe und ehemaliger Carl-Schmitt-Doktorand in Berlin dem Schmittianer Rüdiger Altmann und anderen erzählt habe, er habe vor dem Krieg Theodor Eschenburg in SS-Uniform gesehen.

Ein würdiger Namenspatron?

Das Bild des in der „Zeit“ gelegentlich als „Staatsrat“ ironisierten Politikwissenschaftlers, der die Redaktion mit Jungtalenten versorgt hatte - unter ihnen der spätere Chefredakteur Theo Sommer -, dieses Bild erhielt an jenem Abend in Kronberg einen Riss. Als Eschenburg den ersten Teil seiner Memoiren veröffentlichte, endeten sie im Jahr 1933.

Im zweiten Band, der kurz nach seinem Tod 1999 erschien, bekannte er, vorübergehend Mitglied der „Motor-SS“ gewesen zu sein. Doch das Buch beruht auf Gesprächen, die Eschenburg mit Joachim Fest und dem Verleger Jobst Siedler geführt hat. Seine Freunde erkannten ihren ehemaligen Mentor in dem Buch nicht wieder. Selbst geschrieben hat er es jedenfalls nicht, und die Original-Tonbänder sind bislang nicht aufgefunden worden. Er sei, so steht es im zweiten Band seiner Pseudo-Autobiographie, vor dem Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 wieder ausgetreten. Doch eine Politologin der Universität Greifswald, Hannah Bethke, hat Eschenburgs SS-Stammrollenblatt im Bundesarchiv gefunden: „Eschenburg war seit dem 30. Juni 1933 Anwärter der SS und wurde am 6. März 1934 SS-Mann.“ In der Spalte „Verwendung, Versetzung, Ausscheiden“ findet sich kein Eintrag. Die Vorstellung, dass Eschenburg, 29 Jahre alt, im März 1934 in die SS eintritt und weniger als drei Monate später wieder austritt, legt einen politischen Wankelmut nahe, der, gelinde gesagt, damals untypisch war.

Die öffentliche Debatte um seine nach Kriegsende alsbald hochgeachtete Person in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), die 2012 in Hannah Bethkes Gutachten unter dem Titel „Theodor Eschenburg in der NS-Zeit“ gipfelte, blieb ihm erspart: Er war im Sommer 1999 gestorben. Claus Offe, ein führender Kopf seines Faches und glänzender Repräsentant der ins Alter gekommenen Achtundsechziger, hatte voriges Jahr vorgeschlagen, den Theodor-Eschenburg-Preis, der ihm gerade verliehen worden war, umzubenennen.

Karriere nach dem Krieg: Von 1961 bis 1963 war Theodor Eschenburg Rektor der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Eschenburg war als junger Volkswirtschaftler im Dritten Reich beteiligt an einer üblen „Arisierung“ - als Verbandsfunktionär am Rande. Die verworrenen Dokumente dieses Prozesses weisen ihm eine eher retardierende Funktion zu - es ging um eine Kunstfaserfabrik von offenbar kriegswichtiger Rolle. Die von Bethke zitierten Akten spiegeln die seinerzeit typische Amtskühle wider, die nicht ahnen lässt, dass es sich um einen durch und durch rassistisch legitimierten Staatsdiebstahl handelte.

Zweifellos zählte Eschenburg nach 1945 zur Generation der öffentlichen Verschweiger und Verdränger einer wie auch immer gearteten Rolle als kompetenter, systemstützender Mitläufer. Aus dem Gesprächsprotokoll, das die Grundlage der Pseudo-Autobiographie bildet, zitiert die DVPW-Gutachterin Bethke Eschenburgs sich selbst exkulpierendes Motiv seines Mitläufertums: „Man war nicht Nazi, man rechnete mit ihrem baldigen Sturz, aber so lange brauchte man sie und verkehrte mit ihnen. Man durfte sie nicht deklassieren, dann war man unter Umständen erledigt, und es war schwer, wieder reinzukommen.“

Einer von vielen

Ein deutlicheres Eingeständnis des Karriere-Opportunismus jener Jahre dürfte es kaum geben. Doch ein überzeugter „Nazi“ im engeren Wortsinn war Eschenburg nicht; weder war er Mitglied der NSDAP, noch hat er an Morden und anderen Großverbrechen des Dritten Reichs teilgenommen. Eines vor allem war er nicht: überzeugter Antisemit. Mit emigrierten deutschen Juden aus seinem Bekanntenkreis blieb er im Briefkontakt.

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