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So reden Trumps Gegner : Sagen Sie bloß nicht Impeachment!

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Ist Humor die einzige Waffe gegen das rechte Amerika? Alec Baldwin verkleidet als Präsident Donald Trump in „Saturday Night Live“ Bild: dpa

Was können Intellektuelle gegen Trump aufbieten? Der Politologe Claus Leggewie hat einige Vertreter seiner Zunft beim Umgang mit dem Präsidenten beobachtet. Ein Gastbeitrag.

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          Wer sich in den Vereinigten Staaten derzeit als Politologe zu erkennen gibt, bekommt sofort einen Auftrag: „Erklären Sie bitte, wie man Donald Trump loswird.“ Nun, wie wäre es mit dem Impeachment, einem Amtsenthebungsverfahren? Oh nein, das gehe gar nicht, heißt es stereotyp. 27 Psychiater wurden scharf gerügt, die in Trump einen klinischen Fall sahen und Verfassungsartikel 25,4 in Betracht zogen, wonach man einen kranken Präsidenten absetzen kann (und muss), „der unfähig ist, die Befugnisse und Obliegenheiten seines Amtes wahrzunehmen“.

          Ferndiagnosen gelten als unethisch, was die Schriftstellerin Siri Hustvedt, medizinisch beschlagen und in der intellektuellen Mobilisierung gegen Trump ganz vorne, trocken kontert: „Schizophrenie bekommt man hierzulande nach einer Sitzung diagnostiziert, Trump beobachten wir seit Jahrzehnten und trauen uns nicht.“ Sie ordnet das paranoide, feindselige und erratische Verhalten des Präsidenten als „malignen Narzissmus“ ein. Wer den mordgeilen philippinischen Diktator Duterte zum „Buddy“ erkläre und am Drücker eines gewaltigen Atomwaffenarsenals sitze, vor dem hätten Therapeuten, anders als bei dem paranoiden Richard Nixon und dem dementen Ronald Reagan, die berufliche Pflicht, zu warnen: „Die Welt, wie wir sie kennen, könnte mit einem Drei-Uhr-Morgen-Tweet untergehen.“

          Spiegelung der Deformationen der amerikanischen Gesellschaft

          Während das Pentagon an dieser grässlichen Dystopie arbeitet, ist es erst einmal beruhigend, wenn wie jeden Advent die norwegische Riesentanne am Rockefeller Center aufgerichtet wird und Skater zum Konzert der Hammerschläge emsiger Gerüstbauer entspannt ihre Runden drehen. Der Trump Tower drei Blocks weiter erinnert die New Yorker dann wieder unsanft, dass der Störenfried aus Queens einer von ihnen ist.

          Wenn man Trump nicht auf die Couch bekommt, sind checks and balances das bewährte Mittel gegen die Versuchung einer imperialen Präsidentschaft. Doch einen etwaigen Einsatzbefehl von Trump müssten nur zwei Personen, Verteidigungsminister James Mattis und der aktuelle Oberkommandeur der Armee, bestätigen, Militärs also, die Trump als zuverlässige Jasager ins Weiße Haus geholt hat. (Ein Fünftel der Amerikaner hegt Sympathien für die Militärherrschaft als Alternative zur gewaltenteiligen Demokratie.) „Trumps Verfügung über die Bombe ist keine Verirrung, sie ist entsetzlich normal, auch demokratische Politiker waren stets dafür, alle Optionen offenzuhalten. Wer Bedenken anmeldet wie Obama, gilt als Weichling.“ So erinnert der New Yorker Journalist Adam Shatz daran, dass Trumps Wahn die Deformationen der amerikanischen Gesellschaft spiegelt.

          Das sprachliche Elend des Zweihundert-Worte-Präsidenten

          Dass Trump nun für alles Mögliche verantwortlich sein soll, aber kaum jemand über Atomkrieg, Amtsenthebung und Amtsmissbrauch rede, empört die aus Russland emigrierte „New Yorker“-Kolumnistin Masha Gessen, der Parallelen zu Putins Autokratie einfallen. Newspeak habe hier wie dort eine Liste unaussprechlicher Worte hervorgebracht, stimmt Hustvedt bei einer Debatte an der New York University zu und zitiert aus „LTI“, Viktor Klemperers Studie zur Lingua Tertii Imperii, der Sprache des „Dritten Reichs“. Die Verbiegung der Wirklichkeit ist auch beim Thema Klimawandel zu finden, ein Terminus, den man in Drittmittel-Anträgen besser nicht mehr verwendet.

          Das andere Amerika redet sich die Welt schön und bildet sich ein, weiterhin alles unter Kontrolle zu haben. Dagegen proklamieren Hustvedt und Gessen „aufrechten Zorn“. Unbehaglich ist ihnen das (in Europa ebenfalls aufbrandende) hysterische Lachen, sobald nur der Name Trump fällt. Davon leben die Stand-up-Komiker als Avantgarde gegen Trump: Sie imitieren Gestik, Mimik und das sprachliche Elend des Zweihundert-Worte-Präsidenten zum Verwechseln ähnlich – und das ist es eben. Eine gute Stunde lauscht man etwa dem Schauspieler David Carl im verrotteten Keller des Horse Trade Theater im East Village bei seinem furiosen „Trump Lear“, lacht sich kaputt, wie Trump/Lears Stimme aus dem Off den Hofnarren fertigmacht – und kehrt so ohnmächtig wie zuvor in die Novembersonne zurück.

          Dem politischen Künstler Philip Guston gewidmet

          Daniel Kehlmann, der in New York lebt und Deutschstudenten gerade Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“ näherbringt, schaut die Late-Night-Shows von Koryphäen wie Stephen Colbert oder Jordan Klepper dennoch mit Begeisterung. Er verteidigt Comedians wie Louis C. K., die das politisch korrekte Schweigen durchbrechen und Trump dessen Vulgarität auf gleiche Weise heimzahlen. Beim Studiopublikum löst das frenetischen Jubel aus. Zornige Momente beweisen, dass Amerika sich den Schneid nicht abkaufen lässt – zu dumm nur, dass auch Louis C. K. Belästigungsvorwürfen ausgesetzt ist und folglich nicht Trump, sondern er aus dem Verkehr gezogen wurde.

          Wie dann ernsthaft den Autokraten im Weißen Haus bekämpfen? Ein Raum im umgebauten MoMA ist dem politischen Künstler Philip Guston gewidmet, mit dessen Ausspruch aus den sechziger Jahren, als die atomare Gefahr die Welt im Griff hatte: „Was für ein Typ bin ich, der zu Hause sitzt, Kunstmagazine durchblättert, in frustrierte Wut über alles verfällt und dann ins Studio geht, um ein Rot an Blau anzupassen?“ Das war gegen die abstrakte Malerei gerichtet, doch eine Ablösung roter (republikanischer) durch blaue (demokratische) Farben ist genau, was die „Resistance“ heute anstrebt.

          „Dekonsolidierung der Demokratie“

          Am Jahrestag von Trumps Triumph machten beachtliche Wahlsiege (darunter eines Transsexuellen) den Demokraten Hoffnung, die Bewohner der Vorstädte könnten dem Präsdenten wieder den Rücken kehren. Sie setzen auf die mobilen „anywheres“, die mit der ganzen Familie umziehen, wenn es Arbeitsplatz und Hypothekenraten erfordern. Darunter sind auch Neo-Evangelikale, wie Marcia Pally, eine Kennerin der religiösen Politikszene, beobachtet. Die religiöse Rechte war eine feste Stütze des gottlosen Hedonisten im Weißen Haus und ist es meist noch, weil Trump gegen Neueinwanderung und Bundesregierung zu Felde zieht, die Hauptbeschwerden einer außer Kontrolle geratenen Graswurzelrebellion. „Amoklaufenden Jeffersoniasmus“ nennt Pally es, wenn der Glaube den nüchternen Blick für eigene Interessen trübt: erst bei Obamacare, nun bei der Steuerreform und morgen womöglich bei einem Waffengang mit unvorstellbaren Folgen.

          Trump und seine Partei vertrauen dagegen auf die „somewheres“ im Hinterland, die nicht irgendwo leben wollen, sondern weiter da, wo sie gerade sind. Gegen ein Ende des Trumpismus sprechen auch Wahlbezirke, die ganz auf erwünschte Mehrheiten zugeschnitten sind, ein dysfunktionales Wahlsystem und die totale weltanschauliche Polarisierung. Und die rechte Mehrheit im Kongress verhindert ein mögliches Impeachment, ganz abgesehen davon, dass Nachfolger wie Mike Pence oder der junge, hochgehandelte Tom Cotton, ein Hoffnungsträger der Rechten, auch keine guten Aussichten bieten.

          Politologen warten mit einer Batterie von Belegen zur „Dekonsolidierung der Demokratie“ auf, bieten aber wenig Normatives an und verwechseln Objektivität gern mit Indolenz oder Fatalismus. Das I-Wort vermeiden sie. Doch erinnerte sich Larry Wolff, Direktor des New Yorker Remarque Institute, wie das Auditorium am Wahlabend des 9. November 2016 in der Metropolitan Opera die Aufführung von Rossinis „Wilhelm Tell“ erlebte: „Die Harmonien des Schweizer Republikanismus passten unerwartet gut zu unserer Wahrnehmung der Zerbrechlichkeit demokratischer Institutionen angesichts tyrannischer Temperamente.“ In diesem Sinne hat der renommierte Verfassungsjurist Cass Sunstein, bis 2016 ein hoher Obama-Berater, ein kleines blaues Buch vorgelegt, das präzise die Wege, Umwege und Holzwege der Amtsenthebung ausbreitet. Seine Pointe: Eben weil ein Impeachment unwahrscheinlich sei, müssten die Bürger das entsprechende Verfahren kennen, um sich zu politisieren und bedrohte Institutionen zu retten. „Es ist unsere Rückversicherung, unser Schild und Schwert, die letzte Waffe der Selbstverteidigung.“

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