https://www.faz.net/-gqz-7l1y6

Politikberater : Die Kompetenzillusion

  • -Aktualisiert am

Hilft der Blick in die Kristallkugel? Wissenschaftliche Berater wirken mit ihren Modellen oft genug nicht weniger hilflos Bild: dpa

Orakelgekrakel: Wenn Politiker sich auf wissenschaftliche Berater verlassen, kann das übel enden. Milliarden werden dabei in den Sand gesetzt. Rekapitulation eines falschen Vertrauensverhältnisses.

          Wissenschaftliche Prognostiker sind die Propheten unserer Zeit. Doch oft halten die mathematisch verbrämten Zukunftsprognosen einer kritischen Überprüfung nicht stand. Das hat extreme Konsequenzen: Mangels eigenen Sachverstands verlassen sich Politiker auf diese Expertisen und verantworten leichtsinnig Investitionsentscheidungen, die in die Billionen gehen. Deshalb ist es Zeit für einen mathematical turn, damit wir die Rolle der Mathematik in den Wissenschaften besser verstehen.

          Die Kirchen waren bis auf den letzten Platz gefüllt, als das Inferno begann. Die Erde bebte und riss auf. Wohnhäuser, Paläste und Kirchen taumelten wie sterbende Riesen, bevor sie mit lautem Getöse zusammenbrachen und die schreienden Menschen unter sich begruben. Binnen Minuten stand die Stadt in Flammen.

          Das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 hat das europäische Denken nachhaltig verändert. Es waren nicht die Sünder von Sodom, die ausgerechnet an Allerheiligen von den einstürzenden Gesteinsmassen zerquetscht wurden. Es waren Gottgefällige, die betend und singend in den Kirchen starben, während gleichzeitig Verbrecher raubten und mordeten, da es ihnen gelang, aus den Gefängnissen zu flüchten.

          Die Welt schien mit einem Mal berechenbar

          Konnte Gott so grausam und ungerecht sein? Es schlug die Stunde der Aufklärer. Voltaire verhöhnte Leibniz und machte sich über dessen Theodizee lustig. Eine solch himmelschreiende Ungerechtigkeit sollte die von Gott geschaffene bestmögliche aller Welten sein? Lächerlich. Immanuel Kant, weniger polemisch, dafür pragmatisch, war von dem Erdbeben fasziniert und sammelte alle Informationen, die ihm in die Hände fielen. Schließlich wagte er es, natürliche Ursachen für die Katastrophe zu postulieren. Er machte gigantische unterirdische Gasblasen für die Entstehung des Bebens verantwortlich. Damit stieß Kant die Tür auf.

          Als im Jahr 1759 Wissenschaftler das Wiedererscheinen des Halleyschen Kometen exakt vorhersagten, war Europa elektrisiert. Die Welt schien mit einem Mal berechenbar. In diesem Zusammenhang sticht ein Mann besonders hervor: Pierre-Simon Laplace. Dieser verfasste maßgebliche Werke der Astronomie, die auch Napoleon nicht unbeeindruckt ließen. Als dieser den Wissenschaftler in den Rosengarten des Malmaison einlud und darauf hinwies, dass Gott in dessen Büchern nicht mehr vorkomme, beschied der Forscher dem Kaiser, dass er diese Hypothese nicht mehr benötige.

          Er glaubte an den Menschen in seiner Beschränktheit

          Trotzdem taugt Laplace nicht zum Säulenheiligen heutiger Berechenbarkeitsfanatiker. Zwar war der Franzose eine Lichtgestalt der Aufklärung, aber er erkannte die Grenzen wissenschaftlicher Berechnungen mit prophetischer Klarheit. Das macht ihn in unserem Zusammenhang interessant. Die in weiten Teilen realistische Einschätzung der Vorhersagbarkeit natürlicher Phänomene unterscheidet ihn von vielen heutigen Prognostikern.

          Weitere Themen

          Napoleons Theorem

          Geometrie : Napoleons Theorem

          Ein geometrischer Lehrsatz trägt den Namen des korsischen Feldherrn und Eroberers halb Europas. Könnte er wirklich von ihm stammen? Ein Blick auf Bonaparte und die Mathematik.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.