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Politikberater : Die Kompetenzillusion

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Im privatwirtschaftlichen Bereich sieht es nicht besser aus. Affen, die mit Dartpfeilen auf Aktien werfen, erzielen mit ihrem Portfolio meistens eine bessere Performance als hochbezahlte Analysten bei den Banken, denen es fast nie gelingt, langfristig den Index zu schlagen. Wie tief die Krise in den Wirtschaftswissenschaften ist, wurde bei der Verleihung des diesjährigen Nobelpreises offensichtlich: Zwei der Laureaten, Eugene Fama und Robert J. Shiller, vertreten völlig gegensätzliche Positionen. Das scheint aber niemanden zu beunruhigen. Fama meint, dass sich aufgrund der Effizienzmarkthypothese keine Preisblasen bilden können; Shiller behauptet das Gegenteil. Das ist ungefähr so, als würde man Galileo Galilei und Papst Urban VIII., der ihn wegen seiner ketzerischen Schriften verurteilte, gemeinsam für den Physiknobelpreis nominieren.

Die Bedeutung der Komplexitätsreduktion

Doch nicht nur bei den Wirtschaftswissenschaftlern, auch bei den Klimatologen macht sich Unbehagen breit, da das prognostische Potential der gerühmten Simulationen nicht einmal den eigenen Erwartungen genügt. Die Erderwärmung hat seit Jahren eine kleine Pause eingelegt. Das war von den Modellen so nicht vorgesehen. Und schaut man genauer hin, dann bemerkt man, dass es viele Inseln des Nichtwissens gibt: Die Wolkenbildung ist nicht richtig verstanden, und man grübelt, wie man diese modellieren soll. Dasselbe gilt für die CO2-Bilanzen der Ozeane und der Urwälder. Beide lassen sich nicht exakt quantifizieren. Aber ist das schlimm? Oder sind das Kinderkrankheiten, die in Zukunft ausgemerzt werden, so dass sich komplexere Modelle der tatsächlichen Entwicklung immer weiter anschmiegen werden? Das darf bezweifelt werden.

Um den Kern der Problematik zu verstehen, lohnt es sich, kurz über die Funktion eines mathematischen Modells nachzudenken. Es ist wesentlich, dass die Wirklichkeit im Modell reduziert wird. Dabei richtet sich die Auswahl bestimmter Aspekte nach den Zielsetzungen, denen das fragliche Modell genügen soll. Das kann man sich an einer Straßenkarte klarmachen. Diese ist ein zweidimensionales, statisches Modell der Wirklichkeit, auf der klugerweise fast nur Straßen eingezeichnet sind, da es den Autofahrer im Allgemeinen nicht interessiert, ob der Wald, den er durchfährt, aus Fichten oder Birken besteht. Es ist der Zweck einer Straßenkarte, einen Weg von A nach B zu finden. Wir bestimmen einen Startpunkt, visieren das Ziel an, ermitteln die passende Strecke. Auf diese Weise können wir prognostizieren, wie wir unser Ziel erreichen.

Ein kompliziertes, oft aussichtsloses Unterfangen

Jetzt stellen Sie sich eine Karte vor, die genauso groß ist, wie das Land selbst, das Sie durchfahren möchten und auf der alles Erdenkliche eingezeichnet ist: Hat eine solche Karte einen Sinn? Sie können sie wegwerfen, da sie die Wirklichkeit nicht in den entscheidenden Punkten reduziert. Wenn der Kybernetiker Norbert Wiener sagt: „Das beste Modell einer Katze ist eine Katze“, dann wird klar, dass auch Genies vor Irrtümern nicht gefeit sind.

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