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Politikberater : Die Kompetenzillusion

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Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Hier werden grobe Webfehler besonders augenfällig: Die Motivation des Gesetzes besteht darin, Kohlendioxid in großem Maßstab zu vermeiden. Dieses Ziel wird verfehlt, da die Konstrukteure des fragwürdigen Elaborats nicht vorhergesehen hatten, dass das Gesetz mit dem Emissionszertifikatehandel kollidiert. Die Folgen für den Großteil deutscher Steuerzahler sind desaströs. Eine kleine Zahl von Profiteuren wird mit riesigen Beträgen vom Rest der Bevölkerung subventioniert. Dabei verdanken sich diese Beträge, die bei mindestens 200 Milliarden Euro liegen, einer paradoxen Logik: Je mehr grüner Strom in den Spitzen in die Netze eingespeist wird, desto tiefer sinkt an den Strombörsen der Preis, der erlöst wird. Dadurch wird der Strom für die normalen Bürger aber nicht billiger. Im Gegenteil, der Preis steigt, da die Allgemeinheit gezwungen wird, die Differenz von staatlich garantierter Einspeisevergütung und Börsenpreis zu erstatten.

Investitionsentscheidungen in Billionenhöhe

Wie kann es zu so einer fehlerhaften Konstruktion kommen? Die Gründe sind vielschichtig. Zuerst fällt auf, dass in einer hochtechnisierten Welt die meisten Politiker auf der Grundlage ihrer Ausbildung nicht gerade prädestiniert sind, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte zu beurteilen. Das erklärt die immer größeren Ausgaben der Regierung für externe Beratung. Die ökologische Energiewende, von den Grünen forciert, ist ein kompliziertes Thema. Bis vor kurzem wurde die Partei von Claudia Roth und Jürgen Trittin geführt. Trittin ist Sozialwissenschaftler. Roth brach das Studium der Theaterwissenschaften nach zwei Semestern ab und nennt sich seitdem Dramaturgin. Hilft dieses Wissen, die fatale Wechselbeziehung zu beurteilen, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit dem Emissionszertifikatehandel zu einem teuren Nullsummenspiel macht? Was für die Grünen gilt, gilt in vergleichbarer Weise für die anderen Parteien. Wissenschaftlich ausgebildete Politiker kann man mit der Lupe suchen.

Dieser Umstand verstärkt die Gefahr, für Einflüsterungen wissenschaftlicher Berater, die den Anschein der Kompetenz erwecken, empfänglich zu werden. Das ist leichtfertig, da besonders die vergangenen zehn Jahre lehren, dass vermeintlichem Expertentum mit Vorsicht begegnet werden muss. Als Beispiel können Volkswirtschaftslehre und Klimatologie dienen, da diese Wissenschaften und ihre „Prognosen“ zur Grundlage für Investitionsentscheidungen in Billionenhöhe werden.

Besser, man lässt Affen mit Dartpfeilen auf Aktien werfen

Wie kläglich die mathematischen Modelle der Wirtschaftswissenschaftler versagt haben, ist in der Bankenkrise augenfällig geworden. Die tatsächliche Ausfallquote mit Immobilien besicherter Derivate höchster Bonität war um circa 20 000 Prozent höher als die, welche die großen Ratingagenturen prognostiziert hatten. Doch auch schon lange vor dem Schreckensjahr 2008 war klar, dass wirtschaftswissenschaftliche Prognosen mit Skepsis zu betrachten sind. Die jährlich veröffentlichten Konjunkturvorhersagen verschiedener Institute stimmen nur in wenigen Fällen und haben sehr große Fehlerbereiche. Rezessionen werden von den Spezialisten nur selten vorhergesehen. Auch Schätzungen der Arbeitslosenzahlen sind nicht besonders solide. Grundlegende Fragen wie die, ob eine hohe Staatsverschuldung zur Inflation oder Deflation führt, werden von den Wirtschaftsweisen kontrovers diskutiert.

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