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Politik in der Familie : Mein Vater ist in rechtsextremen Kreisen aktiv

  • -Aktualisiert am

Eine Vater- und Tochterbeziehung, illustriert von Tobi Frank Bild: Tobi Frank

„Mein Vater sitzt am rechten Rand. Wenn ich über Politik spreche, schweigt er.“ Über Spannungen und Lähmungen in einer Familie mit konträren politischen Haltungen. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Mein Vater sitzt neben mir auf dem Sofa. Er sitzt am einen, ich am anderen Ende. Ich fühle mich unwohl: Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mit ihm allein in einem Raum war, erst recht nicht, wann ich mit ihm allein auf diesem Sofa saß. Zwischen uns Platz für zwei Personen, zwischen uns zwei Welten, die wir uns nicht teilen.

          Fast genau ein Jahr nachdem die Deutschen kapituliert hatten, wurde er geboren. Etwa eineinhalb Jahre nachdem die Deutschen wieder vereint wurden, wurde ich geboren. Zwischen uns ein halbes Jahrhundert, das wir uns nicht teilen. Den Fernseher habe ich ausgeschaltet, um zu lesen. Wir schweigen. Bertie, unser Kater, springt zwischen uns. Normalerweise setzt er sich nah zu mir, normalerweise hat er Angst vor dem älteren Mann, der ihn immer so unsanft aus den Betten schmeißt. Bertie sitzt kurz zwischen uns, mein Vater streichelt ihn, dann verschwindet er wieder.

          Ich schaue meinen Vater an. Er sieht müde aus. Trotzdem schenkt er sich Weißwein ein, in einen silbernen Becher. Ich vermute, es ist ein Taufbecher, von irgendeinem Großonkel oder irgendeiner Urgroßmutter. Er starrt geradeaus. Was für ein Buch ich lese. „Herkunft“, sage ich, und er blickt kurz auf. „Das hat dieses Jahr den Buchpreis gewonnen.“ Ich lasse ihm kurz die Hoffnung, dass ich tatsächlich ein Buch lesen würde, an dem auch er interessiert sein könnte. Dann nehme ich sie ihm, bevor er fragen kann: „Saša Stanišić hat es geschrieben.“ Er schweigt.

          Siegelring und Tattoo

          Mein Vater war mal in der CDU, „am rechten Rand“. Mein Vater war Referent für eine rechte Vereinigung. Mein Vater ist in rechtsextremen Kreisen bekannt. Mein Vater ist in rechtskonservativen Kreisen aktiv. Mein Vater ist in rechtsextremen Kreisen aktiv. Mein Vater ist Antisemit. Mein Vater ist Rassist.

          Mein Vater ist alt. Er trägt einen Siegelring an seinem Ringfinger. Ich bin jung. Ich trage ein Tattoo auf meinem Zeigefinger. Ich frage mich, warum unsere Körper nicht subtilere Metaphern bieten können. Was wir uns teilen: die Körpergröße, die hohen Wangenknochen, Geschichtswissenschaften in Göttingen – ich im Haupt-, er im Nebenfach –, Liebe zu Textmarkern (versprechen Ordnung). Was uns trennt: (oben Genanntes). Was uns trennt: Um zu wissen, was im Fernsehen läuft, liest er die „Apothekenumschau“. Ich sage ihm, dass die Prime Time schon vorbei ist. „Die was?“ – „Es läuft jetzt nichts mehr.“ Doch, er habe was gefunden. Es läuft aber erst in einer Stunde. Ich frage lieber nicht, was. Ob er noch so lange hier sitzen wolle. „Ja.“ Er werde warten.

          Wichtig ist nur: selten Räume teilen

          Ich würde gern direkt ins Bett gehen. Aber das mache ich immer. Sobald ich mit ihm allein in einem Raum bin, verlasse ich ihn. Dann sitzt mein Vater allein am Esstisch, am immer selben Platz, und manchmal, wenn ich zwei, drei Stunden später herunterkomme, um mir ein Brot zu schmieren oder ein Wasser zu holen, dann sitzt er da immer noch. Manchmal liest er einen Artikel in der „Jungen Freiheit“, aber das ist seltener geworden. In letzter Zeit ruft er öfter seine Freunde an. Dann reden sie darüber, wer gestorben ist („viel zu jung“, „gerade 82“), und wer krank ist („grauenvoll“, „traurig“). Wenn er mit diesen Leuten redet, dann hat er stets die Augen geschlossen, das Kinn zur Brust gerichtet. Er spricht leise und viel, und stockt immer wieder. Namen, Orte, er weiß, er findet sie nicht mehr. Dann lädt sich mein Vater meist selbst ein, zu Kuchen, die isst er in den letzten Jahren besonders gern, am liebsten gleich mehrere Stücke auf einmal, es gibt sonst ja nicht viel Süßes zu Hause. Seit ein, zwei Jahren wohnen die Leute mit Kuchen weiter weg. Dann bucht er sich ein Zugticket und ist drei bis fünf Tage weg.

          Dann buche ich mir ein Zugticket, um meine Mutter zu besuchen. Wo er genau hinfährt, weiß ich nicht. Wichtig ist nur: keine Räume teilen. Dann ist alles viel friedlicher zu Hause, meine Mutter hat dann keinen Tinnitus, wir lachen und schauen alte Krimis oder hören englische Musik, wir trinken Weißwein aus Weißweingläsern, und keiner redet rein. Er wundert sich nur, warum ich sonntags abreise, obwohl er doch montags wiederkommt. „Ich muss doch arbeiten.“ „Du bist doch Studentin.“ Wichtig ist nur: selten Räume teilen.

          Jetzt war er „bürgerlich“, also alles gut

          Mit siebzehn habe ich aufgehört, meinen Vater zu googeln. Er sprach selten mit uns Kindern über das, was er politisch so gut fand. Vielleicht auch, weil ich ein Mädchen war. Ich wusste nur früh, dass das Bild von uns Kindern über seinem Schreibtisch immer auch den Platz mit einem Kupferstich von Bismarck teilen musste. Ich wusste nur, dass früher alles besser gewesen sein muss und dass die Deutschen ganz unfair behandelt wurden, nein, nicht nach dem Deutsch-Französischen Krieg, nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten sowieso. Zu Weihnachten bekamen wir jedes Jahr eine Ausgabe von dem Magazin, in dem mein Vater immer wieder was schreiben darf, eines für rechte Hobbyhistoriker. Einmal klopfte er an meiner Zimmertür, er hielt einen Stapel Hefte und Bücher im Arm, die er mir geschenkt hatte. Warum die denn alle im Müll gewesen seien. Seitdem sammeln meine Geschwister und ich den Müll in einer Schrankecke.

          Irgendwann in den letzten Jahren hatte mein Vater aufgehört, nur mein Vater zu sein. Ab Mitte sechzig, ich machte gerade Abitur, kamen die grauen Haare schnell. Männerchöre, die Treffen für „Alte Herren“, also ehemalige Verbindungsstudenten, und die Gemeinde bekamen einen noch größeren Stellenwert. Meine Englischkenntnisse wurden überschwänglich stark bewundert, sich gleichzeitig bei „Sale“-Schildern in Schaufenstern über den „Ausverkauf der deutschen Sprache“ geärgert. Er war glücklich, als die AfD auf den Plan trat. Jetzt war er ja „bürgerlich“, also alles gut. Das durfte man dann wählen, und man durfte dann auch eintreten.

          Wer weiß, was es bedeutet zu hungern?

          Er war jetzt nicht mehr nur mein „rechtskonservativer“ Vater, den ich vor allen zu verstecken suchte. Er war jetzt irgendein alter Mann, ein mir fremder Großvater geworden. Er hätte damals gegen seine Elterngeneration rebellieren können. Er tat es nicht. Also war ich als Studentin in Berlin irgendwie noch zu einer Achtundsechzigerin geworden, die ich gar nicht sein wollte. Nicht links, sondern linksliberal. Feministin, na klar, Literatur studierend, Themenschwerpunkte: Narratologie, Genre, Gender. Abschlussarbeiten: Wehrmachtssoldaten, Gruppe 47, Maskulinitäten – schon klar. Ich begehre auf gegen etwas, das in ihm nachlebt. Etwas, das ich aber nicht verstehen kann, will – es ist zu weit weg, meine ich. Zwei Welten, denke ich. Aber dann auch nur zwei Sitzplätze, sehe ich. Er wird sowieso nicht mehr lange leben, vereinfache ich.

          Meine echten Großväter waren beide vor meiner Zeit, Ende der achtziger Jahre, gestorben. Beide waren im Krieg gewesen, der eine in der Luft, der andere auf dem Wasser, der eine schrieb, der andere verarztete, der eine war in der Wehrmacht, der andere war überzeugt. Der Überzeugte war der Vater von meinem Vater. Wenn wir als Kinder aufessen sollten, dann wurde mein Vater pathetisch: Was uns einfiele, er und seine Geschwister hätten damals nach dem Krieg gehungert. Meine Mutter wurde dann böse: Was ihm einfiele, er sei nicht Knut Hamsun. Er habe doch nie wirklich gehungert und solle mal nicht so tun, als wäre er selbst im Krieg gewesen. Keiner von uns wisse, was das bedeute, zu hungern, außer wir Kinder morgen, wenn wir nicht gleich unsere Nudeln aufessen würden. Ich hoffte sehr, dass er sich das nicht wirklich gewünscht hatte: noch früher geboren worden zu sein, näher an den großen Männern, die er so verehrte.

          Nicht allein ein Zeichen von Selbstbewusstsein

          Meine Mutter hatte mehrmals versucht, mir das mit meinem Vater zu erklären. Er wäre früher auch mal anders gewesen. Er könne nichts dafür, er war der Älteste von fünf Geschwistern gewesen, er habe sich immer hinten anstellen müssen. Als zu früh geborenes Kleinkind nach dem Krieg bedeute das etwas anderes als heute, das könne ich mir wohl noch vorstellen. Zwei von ihnen hatte er früh verloren, an Krankheit, ein Unfall. Sein Vater war ein Tyrann, verrückt, prügelnd, herrisch. Ich hatte meiner Mutter versucht zu erklären, dass ich das nicht immer hinnehmen könne, dass das keine Rechtfertigung sei, selbst verrückt, prügelnd, herrisch zu sein. Dass ich nicht wisse, wie ich meinen queeren, schwarzen, jüdischen, meinen weltoffenen, interessierten, belesenen Freunden in Berlin erklären solle, dass ich diesem alten Mann, der alles verkörpert, wogegen wir uns stellen, Lasagne koche, weil er in seinem Leben noch nie, nicht ein einziges Mal, etwas für sich allein oder seine Familie gekocht hatte – „außer Eier und Tee“, lacht er. Er ist „lebensunfähig“ geworden, sagte meine Mutter, aber ich frage mich, wie fähig zum Leben man jemals gewesen sein kann, wenn man Essen als etwas betrachtet, das nur satt machen soll. Wie fähig man zum Lieben sein kann, wenn man nur anerkannt werden will, egal wie, egal von wem (nur nicht sich selbst).

          Ich will nicht mehr zwischen Wut und Mitleid schwanken, hatte ich meiner Mutter gesagt. Er war auch mal anders gewesen, hatte sie gesagt: Er hat auch mal Persisch gelernt, ist eineinhalb Jahre bis nach Indien gereist und wurde über Zentralasien promoviert. Das ändere doch nichts, nur weil er mal von den „Richtigen“ anerkannt worden war, hatte ich gesagt. Ob sie sich deshalb in ihn verliebt hätte. „Er war eben unkonventionell“, hatte auch mal ein Visum gefälscht, um weiter forschen zu können. Sie habe erst spät gemerkt, dass das nicht allein als ein Zeichen von Selbstbewusstsein zu deuten war.

          Sie denkt, wir sind vom gleichen Schlag

          Ich wollte nicht mehr wütend sein, also hörte ich auf, ihn zu googeln. Ich hörte auf, über die Dinge nachzudenken, die nicht hätten passieren dürfen. Ich hörte auf, zu Hause über Politik, über Geschichte zu reden. Ich hörte auf, mein Verständnis von Feminismus erklären zu wollen. Wenn ich darüber redete, war er oft auffällig stumm. Manchmal nahm er mich in Schutz, wenn meine Mutter meine Meinung nicht teilte.

          „Versuch nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten“, sagte sie zu mir, als ich ihr erzählte, worüber ich meine Abschlussarbeiten schreiben wolle. „Pass auf, dass du nicht genauso wirst.“ Sie schien die Antwort darauf zu kennen, warum er meine Meinung oft mehr duldete, als sie es tun würde. Sie denkt, wir sind vom gleichen Schlag. Von verschiedenem Geschlecht, von verschiedenem Alter, die eine nach links, der andere nach rechts abgefallen – aber vom gleichen Schlag. Ich sagte ihr, es gäbe zwei Unterschiede: Ich will die Dinge nicht vereinfachen, ich will sie, komplex, wie sie sind, versuchen zu verstehen. Und: Ich will niemandem schaden. Und doch kann ich die Fernbedienung nicht symmetrisch zur Tischkante legen, einfach weil er es tut.

          Unter Beschuss

          Ich darf nicht gleich ins Bett gehen. Ich darf ihn nicht gleich wieder verlassen, er holt mich doch wieder ein. Unsere Welten treffen durch andere aufeinander: wenn ich im Flur zu Hause ein Foto mit ihm und anderen und Alice Weidel finde, „Vielen Dank für den Besuch! Ihre Alice“, steht handschriftlich darauf. Eine Woche zuvor lief ich in Berlin fast in sie rein, als sie mit tief ins Gesicht gezogener Ralph-Lauren-Cap aus einem Haus in der Oranienburger Straße und direkt ins nächste Taxi sprang. Auf dem Bild steht er neben ihr und lächelt. Ich wusste nicht, dass er in Berlin gewesen war.

          Mein Vater ist eingenickt. Das Kinn liegt auf seiner Brust, den silbernen Becher hält er noch fest. Ich sage, ich gehe ins Bett, ob er sich nicht auch schlafen legen wolle. Nein, nein, er warte noch auf den Film, der komme ja gleich. Ich schaue auf die Uhr: es sind noch vierzig Minuten bis dahin. Das mache nichts. Er warte.

          Das Einschlafen fällt mir schwer. Der Fernseher wummert einen Stock tiefer. „Könntest du etwas leiser machen, ich versuche zu schlafen. Danke!“, texte ich ihm. Es wummert weiter. Ich stehe wieder auf und gehe barfüßig hinunter. Der Bildschirm leuchtet schwarzweiß, ein Soldat sitzt geduckt in einem Schützengraben, er ist unter Beschuss. „Papa, kannst du bitte leiser machen.“ Habe er doch schon. Er drückt die Lautstärke von 31 auf 29. „Bitte. Es ist spät. Nimm etwas Rücksicht, hier wohnen auch noch andere.“ Genervt drückt er auf stumm.

          Ich will nicht mehr mitleidig sein.

          * R. O. Roiss ist ein Pseudonym, der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

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