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Polens Weltkriegsmuseum : Jede Nation hat eben ihre eigene Wahrheit

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Der Regierung nicht polnisch genug, aber in der Planung schon weit gediehen: So soll das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdansk zur Eröffnung 2017 aussehen. Bild: AP

Strahlendes Heldentum statt europäischen Kontextes: In Polen versucht die Regierung, das geplante Museum zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf Linie zu bringen.

          Wenn es unter Historikern so etwas wie Stars gibt, dann ist der britische Historiker Norman Davies in Polen ein solcher. Seit Anfang der siebziger Jahre publiziert Davies zur polnischen Geschichte und greift dabei Themen auf, die für das nationale Selbstverständnis von hoher Bedeutung sind. Meist erzählt er sie aus einer polnisch-patriotischen Perspektive. In Polen brachte ihm das mehrere Ehrendoktorwürden und Ehrenbürgerschaften verschiedener Städte ein. In den Geschichtsabteilungen großer Buchhandlungen gibt es oft sogar ein Regal, das für seine Bücher reserviert ist. Angesichts der Geschichtspolitik der PiS-Regierung verlor der zumeist ruhig und ausgeglichen auftretende Davies allerdings die Contenance.

          Mitte April wurden die Pläne des Kulturministeriums bekannt, das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig an ein Museum der Westerplatte und der im Spätsommer 1939 dort geschlagenen Schlacht gegen die deutschen Invasoren anzuschließen. Letzteres existiert erst seit Ende letzten Jahres auf dem Papier. In das Museum des Zweiten Weltkriegs hingegen wurden schon über 100 Millionen Euro investiert. Der Neubau soll dieses Jahr fertig werden, das Ausstellungskonzept ist es schon und befindet sich in der Umsetzung. Davies ist Vorsitzender des international besetzten wissenschaftlichen Beirats, der bezüglich der Zusammenlegung ebenso wenig konsultiert wurde wie die Direktion des Museums. Dem britischen „Observer“ gegenüber nannte Davies diese Pläne „bolschewistisch“ im Stil und „paranoid“: „Die PiS-Regierung will nicht, dass ein Haufen ausländischer Historiker darüber entscheide, was in ,ihr‘ Museum kommt.“ Den Beirat und vor allem Museumsdirektor Paweł Machcewicz abzulösen, um die volle Kontrolle über das Projekt zu bekommen, ist die eine Stoßrichtung des Vorgangs. Die Umstrukturierung oder Auflösung von staatlichen Kulturinstituten ist für das Ministerium die einzige Möglichkeit, Machcewicz vor dem Ende seiner bis 2019 andauernden Amtszeit zu entlassen.

          Bevor sie erhobenen Hauptes kapitulierten

          Freilich zielt die Personalpolitik darauf, die Inhalte des Museums zu bestimmen. Zwar nannte das Ministerium bisher keine konkreten Pläne für eine eventuelle neue Ausstellung, doch ist bereits seit langem klar, dass die Ausrichtung des Danziger Museums der PiS nicht behagt. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus globaler Perspektive, aber mit Betonung der polnischen Erfahrung darzustellen. Der PiS ist das nicht patriotisch genug. Schon 2013 erklärte Jarosław Kaczyński, seine Partei wolle „das Museum so ändern, dass es den polnischen Blickwinkel zeigt“. Der stellvertretende Kulturminister Jarosław Sellin führte diesen Gedanken letztes Jahr weiter: „Wir sollten kein Museum bauen, das sich in der Erzählung irgendwelcher universeller Empfindungen verliert, von der ganzen Menschheit während des Zweiten Weltkriegs. Jede Nation, jede große Nation, die an der Tragödie des Zweiten Weltkriegs teilhatte, erzählt doch eine eigene Interpretation.“

          Das Westerplatte-Monument bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs

          Einer in europäischen Bezügen verhafteten Erzählung des Zweiten Weltkriegs aus polnischer Perspektive zieht Sellin in nationaler Selbstgenügsamkeit eine Interpretation vor, die sich auf Heldentum beschränkt, dafür aber auch ohne „dunkle Flecken“ auskommt. Dafür reicht ein Museum der Westerplatte. Dort verteidigten Anfang September 1939 zweihundert polnische Soldaten über acht Tage die der Stadt Danzig vorgelagerte Halbinsel gegen die militärisch weit überlegenen deutschen Truppen, bevor sie erhobenen Hauptes kapitulierten. Ihr Durchhaltewille hat sogar ein Denkmal in der polnischen Sprache erhalten. Die Redewendung, etwas „wie die Westerplatte zu verteidigen“, bezeichnet, mit aller Kraft um etwas zu kämpfen.

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